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Kohl, Walter — Leben oder gelebt werden

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Irgend­wann schreibt Wal­ter Kohl über Hel­mut Kohl viel­leicht den trau­rigs­ten Satz, den ein Sohn über sei­nen Vater schrei­ben kann: Er habe nie eine rech­te Ver­bin­dung zu sei­nem Vater gefun­den. Und dabei bleibt es wohl auch, da bei­de inzwi­schen nicht mehr mit­ein­an­der per­sön­lich kom­mu­ni­zie­ren.

Wal­ter Kohls Buch ist eine Mischung aus der Bio­gra­phie des Soh­nes eines welt­be­deu­ten­den Staats­man­nes, und wie man dar­un­ter zu lei­den hat, der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Vater und der Lebens­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie eines Kri­sen­gän­gers.

Nun ist das Wal­ter Kohls eige­nes Buch, das darf er schrei­ben, wie er möch­te. Mich hat etwas das mit­lei­di­ge Erlei­den des Kohl­da­seins gestört und die Lebens­hil­fe, die er anpreist. Ande­rer­seits ist es fas­zi­nie­rend, wie er sei­ne eige­ne Fami­lie zu ana­ly­sie­ren weiß. Irgend­wie dach­te ich aller­dings am Ende des Buches, nicht viel mehr über sei­nen Vater zu wis­sen als zuvor.

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Der Zynismus der ARD

Nach dem ges­tern in der ARD-Sendung Beck­mann die Psy­cho­lo­gin Ali­na Wilms behaup­tet hat, jemand der ein Kil­ler­spiel spie­le, habe in die­ser Tätig­keit des Tötens ande­rer, eine Akzep­tanz der rea­len Hand­lung des Tötens ande­rer bereits ver­in­ner­licht, und die­se Aus­sa­ge vom Gesprächs­lei­ter Beck­mann nicht kri­tisch hin­ter­fragt wur­de, fin­de ich, dass es aber­mals Zeit ist, die Kri­tik­fä­hig­keit der öffent­lich recht­li­chen Sen­der in Fra­ge zu stel­len.

Mir geht es im Gegen­satz zu ande­ren nicht um eine Lob­by für Kil­ler­spiel­spie­ler. Wer immer der­ar­ti­ge Spie­le ver­bie­ten will, hat nicht kapiert, dass Ver­bo­te bestehen­der Medi­en im Inter­net nicht hel­fen. Ich neh­me hier­von die Ver­fol­gung von Kin­der­por­no­gra­phie aus, das scheint mir ein ande­res The­ma zu sein und ich befür­wor­te die Ver­fol­gung der­ar­ti­ger Ver­bre­chen. Aber Raub­ko­pi­en von Kil­ler­spie­len sind seit bald 20 Jah­ren an der Tages­ord­nung.

Zudem hal­te ich die Ein­schät­zung, man brau­che einen Men­schen nur vor einen PC set­zen, ihn ein Kil­ler­spiel spie­len las­sen, und schon ver­wand­le sich die­ser Mensch in ein Zom­bie, für so welt­fremd, dass ich Per­so­nen, die der­ar­ti­ges behaup­ten, nicht ernst neh­men kann. Men­schen haben Gewalt­phan­ta­si­en und Men­schen spie­len ger­ne Spie­le. Die Ver­bin­dung die­ser bei­den Phä­no­me­ne kann man ger­ne für sich selbst aus­schlie­ßen oder absto­ßend fin­den und ein Staat kann das auch ver­bie­ten.

Aber die Hal­tung, ein Staat soll­te aus mora­li­schen Grün­den der­ar­ti­ge Spie­le ver­bie­ten, ist unsin­nig. Der­ar­ti­ge Spie­le wer­den seit fast 20 Jah­ren von unzäh­li­gen jun­gen und jung­ge­blie­be­nen Men­schen gespielt. In Deutsch­land hat­ten von drei männ­li­chen Schul­amok­läu­fern zwei die­ses Spiel auf ihrem Rech­ner. Sta­tis­tisch gese­hen ist das eine nor­ma­le Ver­tei­lung bezüg­lich der Ver­brei­tung die­ser Spie­le. Es gibt kei­ne Unter­su­chung, die erge­ben hät­te, dass die­se Spie­le sich nega­tiv auf mora­li­sches Ver­hal­ten aus­wir­ken. Wobei natür­lich klar ist, dass man die­se Spie­le nicht zur Erwei­te­rung des geis­ti­gen Hori­zonts spielt oder zur mora­li­schen Erbau­ung. Aber das behaup­tet ja auch nie­mand.

Es ist an die­ser Stel­le aber erschre­ckend, wie die Öffentlich-Rechtlichen Kil­ler­spie­le zu Zom­bieschu­len erklä­ren, wohl weil sie sen­sa­ti­ons­lüs­tern sind, weil sie eine Sto­ry brau­chen, weil sie das Böse fas­sen wol­len und weil sie nicht bereit sind, sich sach­lich aus­ge­wo­gen mit der The­ma­tik zu beschäf­ti­gen:

Zwar ist das Video bereits andert­halb Jah­re alt, einer kri­ti­sche­re Hal­tung ist bei der ARD aber noch nicht fest­zu­stel­len.

Das eigent­lich Schlim­me ist dar­an, dass The­men die wirk­lich rele­vant sind durch der­ar­ti­ges Themen-auf-den-Tisch-hauen unter­schla­gen wer­den: Die Gesell­schaft hat nicht auf dem Schirm, wie Her­an­wach­sen­de mit dem Druck, den man immer mehr die­sen zumu­tet, genau umge­hen soll. Alle drei Amok­läu­fer betrach­te­ten sich als Ver­lie­rer und zu unrecht zu die­sen gemacht. Wie kom­men wir an die­se Leu­te ran, wenn sie sich als Ver­lie­rer betrach­ten und das auch in einem Schul­sys­tem, das in der Tat aus­sieht, als fil­te­re es Ver­lie­rer her­raus anstatt sie in ihrer indi­vi­du­el­len Lage zu för­dern?

Soll­ten Leh­rer die­je­ni­gen sein, die man an die­ser Stel­le anspre­chen möch­te, muss man ihnen viel mehr Kom­pe­ten­zen geben, muss man ihre Aus­bil­dung grund­sätz­lich über­den­ken, darf man sie nicht in die Schu­le schi­cken und sagen: Sieh’ zu, wie du klar kommst.

Und wer für Jugend­li­che wirk­lich etwas tun will, der soll­te mit ihnen reden, sich mit ihnen unter­hal­ten, aus­ein­an­der­set­zen und nicht reflex­ar­tig irgend­was ver­bie­ten, was ihm ver­ach­tens­wert erscheint.

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Guten Morgen

Morgenkaffee

Die Süd­deut­sche Zei­tung hat den ukrai­ni­schen Foto­gra­phen Igor Kos­tin inter­viewt, der kurz nach der Tschernobyl-Katastrophe am dor­ti­gen Reak­tor Fotos gemacht hat.

In der Ärzte-Zeitung wird geschrie­ben, dass sich angeb­lich kei­ne ande­re Grup­pe so inten­siv mit ihrer Rol­le in der Nazi-Zeit beschäf­tigt habe, wie die Ärz­te. Dabei war es ja der Jour­na­list Ernst Klee, nach dem in Met­tin­gen inzwi­schen eine Schu­le benannt wor­den ist, der maß­geb­li­che Auf­ar­bei­tung über Ärz­te in der Nazi-Zeit geleis­tet hat und nach­wies, dass das Ende der Nazi-Zeit nicht das Ende der die­sem Geist ent­spre­chen­den, men­schen­un­wür­di­gen Prak­ti­ken von Ärz­ten bedeu­tet hat.

Fried­rich Küp­pers­busch wun­dert sich über die Ope­ra­ti­on Mor­gen­däm­me­rung:

[audio:http://httpmedia.radiobremen.de/mediabase/045185/045185_156391.mp3]

Und wäh­rend ich mir die Fra­ge stel­le: War­um ist mir ent­gan­gen, dass die Guten-Morgen-Artikel am Diens­tag Ein­jäh­ri­ges gehabt haben? hole ich mir erst­mal noch einen Jubi­lä­ums­kaf­fee.

[ Foto: Luc van Gent ]

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