Guten Morgen allerseits!
Die vorzeitige Adelung von Jakob Augstein
am 4. Januar 2013 um 14:49 Uhr von Carsten unter Allgemein abgelegt.

Jakob Augstein scheint seit Jahren das Ziel zu verfolgen, bedeutsame journalistische Stimme in Deutschland zu werden. Und dafür bringt er gute Vorraussetzungen mit: Elegantes Auftreten, einen kühlen Kopf, eine gute verständliche Ausdrucksweise, eine schnelle Auffassungsgabe, ein passendes Selbstbewußtsein, ein großer Nachname. Er kann sich schnell assimilieren, scheut sich aber auch nicht, sich sofort auszugrenzen, wenn er sich seinem Rückrat verpflichtet sieht. Ein Mann mit Format, keine Frage. Er hat nur eine Archillesferse: Er schreibt keine großen Texte.

Den letzten Satz muss man gleich aufnehmen: 1. Bisher waren die Texte nicht groß, vielleicht ändert sich das. 2. Was heißt überhaupt, er schriebe keine großen Texte? Nun, Augstein nimmt immer staatstragende Texte ins Visier, ohne einen eigenen, tieferen Gedanken, der so woanders nicht vorkommt und sachlich überzeugt, in seinen Texten installieren zu können. Einen Satz wie diesen könnte Augstein ärgern, wie es jeden Journalisten mit Anspruch ärgert. Schlimm ist er allerdings nicht, denn Augstein spielt mit seinen Texten immer noch in einer hohen Liga, weit entfernt von anderen.

Jakob Augstein – ein Antisemit ?

Ich würde zunächst einmal Salomon Korn zustimmen: Ich habe in Augsteins Texten auch nichts antisemitisches gelesen und ich würde auch bei Henryk M. Broders Analysen vorsichtig sein. Um hier bei der Stange zu bleiben: Broder hat recht, wenn er hier ein Zitat Augsteins hervorhebt und kritisiert. Argumentativ ist die Qui-bono-Variation, die Augstein anschlägt, nicht überzeugend, weil aus einem Qui-bono-Gedanken, wie ihn Augstein anstellt, allenfalls eine Wahrscheinlichkeitsannahme, aber eben keine kausalitäre herauskommt. In seinem Text – so finde ich – erweckt Augstein aber genau diesen Eindruck einer Kausalität. Broders Schluss aus diesem Zitat ist, dass, wer so argumentiert wie ein Antisemit, selbst ein Antisemit ist. Diese Schlussfolgerung ist allerdings genauso pauschal wie die kritisierte Argumentation Augsteins. Ob Augstein Antisemit ist oder nicht, lässt sich daraus nicht schließen. Weil das Simon-Wiesenthal-Zentrum ohne eine adequate Analyse der Texte Augsteins verfährt, ist eben auch die Aufnahme Augsteins in eine Top-10 von antisemitischen Verunglimpfern eine Dummheit. Rabbi Abraham Cooper verweist auf diesen Text Augsteins, aber seine Kritik ist pauschalisierend und lässt sich so im Text Augsteins, der für sich genommen kein Glanzlicht an argumentativer Klarheit ist, nicht wiederfinden. Er rechtfertigt zudem nicht, was der Name Augstein in dieser Liste zu suchen hat.

Das Abschütteln eines Schattens

Was aber in dieser Angelegenheit passiert ist folgendes: Jakob Augstein ist dank des medialen Interesses und der Verteidigung Augsteins durch Bundespolitiker zu einer bundesweit beachtsamen journalistischen Stimme aufgestiegen. Das Auftauchen in dieser Liste schadet Augstein nicht im mindesten. Was immer diese Liste bezwecken sollte, der Zweck wurde verfehlt. Augstein selbst hat eine solch herausgehobene Position noch nicht ganz verdient. Er hätte in der Angelegenheit besser auf seine eigenen, kritisierten Texte eingehen sollen, – die er aber nur als allgemeines Tagesgeschäft umreißt – und nicht auf Kontroversen um Judith Butler, woraus hervorgehen soll, dass Israelkritikern allgemein Unrecht wiederfährt – so auch ihm. Er liegt auch falsch darin, dass es in dieser Angelegenheit darum ginge, Israelkritiker mundtot zu machen. Seine Kritiker verweisen schon auf Passagen in seinen Texten, die argumentativ schlecht ausgearbeitet sind, woraus sie allerdings dann einen Antisemitismusvorwurf ableigen.

Ich bin optimistisch, dass Augstein der hervorgehobenen Stellung, die ihm so widerfährt, gerecht werden kann, wenn er seine Argumentationen klarer darlegt. Das täte allen Seiten gut.

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