Simsek, Semiya und Peter Schwarz — Schmerzliche Heimat

So lang­sam kom­me ich mal mei­ner Able­se­lis­te hin­ter­her: Die­ses Buch beinhal­tet Semiya Şimşeks Beschrei­bung des Lebens und der Ermor­dung durch die NSU ihres Vaters, Enver Şimşek, den Fol­gen für ihre Fami­lie und erbärm­li­che Rol­le, die der deut­sche Staat bei der Auf­ar­bei­tung gespielt hat und immer noch spielt.

Wir schrei­ben das Jahr 2017, der Mord an Enver Şimşek liegt 16 Jah­re zurück, und der Pro­zess gegen das letz­te Mit­glied der für die dazu­ge­hö­ren­de Mord­se­rie ver­ant­wort­li­che Grup­pe, geht dem Ende ent­ge­gen. Und den­noch ist es erschre­ckend, wie vie­le wich­ti­ge Fra­gen hier­zu offen sind und viel­leicht blei­ben.

Die­ses Buch ver­schafft einen Ein­blick in die Situa­ti­on, wie sie sich für betei­lig­te Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, dar­stellt. Es ver­liert sich nicht in kit­schi­gen oder anders sach­frem­den Beschrei­bun­gen, son­dern fokus­siert sich auf die Tat und ihre Nach­wir­kun­gen. Abge­schlos­sen wird es von einer juris­ti­schen Ein­schät­zung der Ange­le­gen­heit durch die Anwäl­te von Semiya Şimşek, die aus ihrer Sicht noch mal klar machen, um was für einen poli­ti­schen Skan­dal es hier eigent­lich geht. Das es bei der gan­zen Sache noch kei­nen ein­zi­gen Rück­tritt eines zustän­di­gen Beam­ten gege­ben hat, ist nicht min­der ver­wun­der­lich, eher aus­sa­ge­kräf­tig.

Ein Plä­doy­er für Gerech­tig­keit und dafür, in der Kata­stro­phe Stär­ke zei­gen zu kön­nen.

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Schill, Nadine — Hochzeitsplanung für Dummies

Einen ganz guten Über­blick über diver­se The­men einer Hoch­zeit, so wie man sie heut­zu­ta­ge ange­hen soll­te, bie­tet die­ser Schmö­ker der Dummies-Reihe. Wobei die Rat­schlag­ge­be­rei im Detail lei­der schon wie­der etwas schwach aus­fällt:

Eine Band kos­tet in etwa das Drei- bis Vier­fa­che eines DJs. (…) Eine gute Band hat ein­fach ihren Preis. Hier muss man schon ein wenig den Namen mit­be­zah­len. Aus ver­schie­de­nen Grün­den ist ein DJ aber ohne­hin fast immer die bes­se­re Wahl: Bands ver­fü­gen oft über kein so gro­ßes Reper­toire. Der DJ kann hin­ge­gen die Charts der letz­ten 30 Jah­re aus sei­nem Kof­fer zau­bern. Zudem benö­tigt eine Band viel Platz und sie pro­du­ziert eine gewis­se Grund­laut­stär­ke.

Also da haben wir gera­de eine gegen­tei­li­ge Erfah­rung gemacht: DJs unter 1000€ – sofern man sie nicht schon kennt – sind kaum zu bekom­men, wenn man sicher gehen möch­te, dass der- oder die­je­ni­ge in der Lage ist, Hoch­zei­ten musi­ka­lisch im Griff zu haben. Eine Band liegt da nicht weit von ent­fernt, man muss auch gera­de nicht den Namen mit­be­zah­len, mei­ner Mei­nung nach sind pas­sen­de Bands mit­un­ter preis­wert.

Und was den Hoch­zeits­fo­to­gra­fen angeht:

Der Ama­teur (…) ist unschlag­bar güns­tig. Das wer­den Sie sei­nen Bil­dern jedoch auch stets anse­hen. (…) Schlech­te Bil­der jedoch wer­den Sie ein Leben lang beglei­ten!

Das ist der Pos­ten, den wir gera­de auf Null geschraubt haben, eben weil wir pro­fes­sio­nel­le Foto­gra­fen, die wir bis­lang erlebt haben, so gar nicht gut fan­den. Wir set­zen auf den Ama­teur, der Spaß dar­an hat, sicher nicht nur Fotos machen wird, aber auch, und der sehr wohl pro­fes­sio­nel­le Fotos hin­be­kommt.

Kurz­um: Die Band­brei­te der The­men lässt nichts fast nichts zu wün­schen übrig, aller­dings hät­ten Tipps, wie man ohne Qua­li­täts­ver­lust Ein­spa­run­gen machen kann, dem Buch – das für sich abso­lut preis­wert ist — gut getan. Das Buch ist im Umfang der auf­ge­stell­ten Fra­gen und mit diver­sen unter­schied­li­chen Mei­nun­gen sehr emp­feh­lens­wert. Die Ant­wor­ten – abge­se­hen vom recht­li­chen Bereich — gibt man sich dann aber bes­ser ein­fach selbst.

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Emcke, Carolin — Gegen den Hass

Ich dach­te erst, man müss­te die Auto­rin even­tu­ell gegen ihre Kri­ti­ker in Schutz neh­men, aber all­zu schlimm fand ich die Kri­tik dann doch nicht.

Emcke befasst sich in ihrem aktu­el­len Buch mit den auf­kei­men­den und gedie­he­nen natio­na­lis­ti­schen Posi­tio­nen in Deutsch­land und dar­über hin­aus, wobei sie einen Akzent set­zen möch­te für die Ver­tei­di­gung von Min­der­hei­ten im Lich­te des Popu­lis­mus die­ser Zeit. Sie bril­liert an den Stel­len, an denen sie Posi­tio­nen als dis­kri­mi­nie­rend und pole­mi­sie­rend demas­kiert, indem sie die Posi­ti­on unauf­ge­regt ent­schlüs­selt. Weni­ger über­zeu­gend ist Emcke aller­dings in ihrer Ein­ord­nung von Posi­tio­nen in einen his­to­ri­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Kon­text. So bestimmt sie die “Par­tei­lich­keit der Ver­stan­des­waa­ge” aus einer Text­stel­le aus Kants “Träu­me eines Geis­ter­se­hers”, d.i. ein Text vor des­sen so genann­ter kri­ti­schen Pha­se, als “Vor­ein­ge­nom­men­heit durch die Hoff­nung”, wobei es an der betref­fen­den Stel­le im Kan­ti­schen Text über­haupt nicht um Hoff­nung geht. Um Hoff­nung geht es bei Kant in der Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie. So ein Name­drop­ping ist so wenig über­zeu­gend wie beein­dru­ckend. Und auch wenn ande­re Stel­len in ihrer gewoll­ten Beleh­rung eher ner­ven als ein­neh­men, ist das Buch wegen der Ana­ly­se­fäh­rig­keit der Auto­rin emp­feh­lens­wert.

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Flasch, Kurt — Warum ich kein Christ bin

Der eng­li­sche Phi­lo­soph Bert­rand Rus­sell hat 1927 einen Vor­trag mit dem Titel War­um ich kein Christ bin gehal­ten. Dar­in kri­ti­siert er christ­li­che Argu­men­ta­tio­nen wie Got­tes­be­wei­se und mora­li­sche Argu­men­te als wider­prüch­lich und nicht kon­sis­tent. Ein Christ ist für Rus­sell jemand, der an Gott, Unsterb­lich­keit und Chris­tus glaubt:

Ich mei­ne, man muss wenigs­tens dar­an glau­ben, dass Chris­tus, wenn schon nicht gött­lich, so doch zumin­dest der Bes­te und Wei­ses­te der Men­schen war. Wenn Sie nicht ein­mal soviel von Chris­tus glau­ben, haben Sie mei­ner Ansicht nach kein Recht, sich als Chris­ten zu bezeich­nen.

Der deut­sche Phi­lo­soph Kurt Flasch geht in sei­nem aktu­el­len Buch War­um ich kein Christ bin in ähn­li­cher Hin­sicht diver­se Textaus­ein­an­der­set­zun­gen mit bibli­schen Stel­len und Argu­men­ta­tio­nen von christ­li­cher Sei­te ein. Das allei­ne ist schon sehr lesens­wert. Im Grun­de sagt er aber gar nichts ande­res als Rus­sell:

Ja, ich bin kein Christ, wenn man unter einem Chris­ten jeman­den ver­steht, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod und an die Gott­heit Chris­ti glaubt. (Kapi­tel IV.)

Für Phi­lo­so­phen ist es schon mal ver­wun­der­lich, dass auf einen so unkla­ren Satz ver­wie­sen wird: Wie bedeut­sam ist das “und” im Satz? Was ver­steht man genau unter “glau­ben”?

In einem aktu­el­len Inter­view mit Papst Fran­zis­kus fin­det man den inter­es­san­ten, auf das Chris­ten­tum bezo­ge­nen Satz:

Es darf kei­ne spi­ri­tu­el­le Ein­mi­schung in das per­sön­li­che Leben geben.

Ein­mi­schun­gen kann es wegen mir, sofern sie recht­lich akzep­ta­bel sind, durch­aus geben. Er könn­te aber auch das Ver­bit­ten von Bevor­mun­dung bezüg­lich des eige­nen Den­kens mei­nen — und das wäre ein Ham­mer (nicht nur, weil man so Rus­sell und Flasch den Wind aus den Segeln nimmt): Man kön­ne als Christ Agnos­ti­ker sein, der sich an den Geschich­ten der Bibel ori­en­tiert, im Grun­de sei­ne Über­zeu­gun­gen aber selbst ver­ant­wor­tet. In gewis­ser Hin­sicht ver­ste­he ich Kant so, der Bei­spie­le aus der Bibel für pas­sen­de Umset­zun­gen des Kate­go­ri­schen Impe­ra­tivs, der für sich genom­men von Kant phi­lo­so­phisch her­ge­lei­tet wird, hält.

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Fischer, Marc – Die Sache mit dem ich

Marc Fischer nahm sich 2011 das Leben. Zudem ver­lor er sich in sei­ner selbst so genann­ten “Fischer­welt”, dass jede nähe­re Befas­sung mit ihm und die­sem Buch nicht unbe­dingt zu guter Lau­ne führt. Dem Leser bleibt bei all den in die­sem Buch ver­sam­mel­ten Repor­ta­gen Fischers die Fra­ge, was schief gelau­fen ist. Und die Fra­ge, war­um einen die­se Fra­ge umtrei­ben soll­te. Ich ver­mag weder die eine, noch die ande­re gut zu beant­wor­ten. Der Pop­jour­na­lis­mus, den er hier ver­tritt, hat durch­aus Ansät­ze von Hal­tung (wie im bestechen­den Text über Kat­ja Rie­mann), aber eine zufrie­den­stel­len­de Aus­sa­ge fin­de ich nir­gends.

Peter Lau schreibt:

T. glaubt eben­falls, dass Ber­lin Fischer nicht gut­ge­tan hat. „Wer zieht denn hier hin? Die Män­ner, die sich um ihre Frau­en und ihre Kin­der küm­mern, die blei­ben in Solin­gen oder in Nürn­berg. Nach Ber­lin gehen die, die etwas erle­ben wol­len und sich für groß­ar­tig hal­ten. Und das sind dann die Leu­te, die in den Medi­en unser Bild von der Welt prä­gen. Marc hat­te oft Freun din­nen mit Kin­dern, er moch­te Kin­der. Aber er hielt sich trotz­dem alles offen. Er hat­te, glau­be ich, die­ses Gefühl: Wenn ich mal groß bin, habe ich auch Kin­der. Als er merk­te, dass er schon groß war, war das für ihn ein Schock. Marc war letzt­lich ein sehr ein­sa­mer Mensch. Und er ist gestor­ben, weil kei­ner auf ihn auf­ge­passt hat. Das kann auch kein Arzt. Das müs­sen Freun­de machen, dafür sind Freun­de da.“

Ich weiß nicht, was man außer­halb der Berlin-Blase mit Fischers Erbe anfan­gen kann.

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Cor­ne­li­us Wüllenk­em­per: Zwi­schen Welt­be­ob­ach­tung und Pro­jek­ti­on
Peter Lau: Wor­an starb Marc Fischer? in: brand eins. Heft 2/2012, S. 152–162 (Ver­such einer jour­na­lis­ti­schen Wür­di­gung und Erklä­rung Fischers)

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Schoeps, Julius H. — Leiden an Deutschland

Die­ses Buch ist 1990 ver­öf­fent­licht wor­den und ich habe es seit den 90ern irgend­wo im Bücher­schrank gelas­sen. Anfangs dach­te ich, dem The­ma nicht son­der­lich gerecht zu sein, was durch­aus zutref­fend gewe­sen ist. Inzwi­schen sehe ich das anders und gott­sei­dank hat die­ses Buch nichts an sei­ner Aus­sa­ge ver­lo­ren. Gera­de in der heu­ti­gen Zeit, in der mit der Beschnei­dungs­de­bat­te ein Kern der jüdi­schen Reli­gi­on zur Dis­po­si­ti­on steht, ist die­ses Büch­lein ein unge­mein wert­vol­les Doku­ment.

Das liegt dar­an, dass Schoeps einer­seits ein sprach­li­cher Vir­tuo­se ist und ande­rer­seits kei­ne Scheu vor deut­li­chen Wor­ten und schar­fen Ana­ly­sen hat. Bei die­sen ist man ver­wun­dert, dass das Buch schon 22 Jah­re alt ist.

Etwas unklar bleibt mir Schoeps Hal­tung von “Deut­schen” und “Juden” und der zu sei­ner Zeit fest­ge­stell­ten Nicht­in­te­grier­bar­keit. Mir kommt der Begriff der “Deut­schen” schlicht zu undif­fe­ren­ziert vor. Auch ande­re Grup­pen, auch Deut­sche in Tei­len Deutsch­lands, die nicht ihre Hei­mat sind, kön­nen von Inte­gra­ti­ons­pro­ble­ma­ti­ken ein Lied sin­gen. Es ist frag­lich, ob die Refe­renz “Deut­sche” in die­ser Hin­sicht nicht schlicht zu pau­schal und schwarz­ma­le­risch ist, um das Pro­blem des Fremd­seins im eige­nen Land zu fas­sen.

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Haeusler, Tanja & Johnny – Netzgemüse

Weih­nach­ten steht vor der Tür und vie­ler­orts wer­den nun die Buch­lä­den durch­stö­bert, um inter­es­san­te lite­ra­ri­sche Sachen aus­fin­dig zu machen. Ich habe mir mal Netz­ge­mü­se von Tan­ja und John­ny Haeus­ler, der auch unter spreeblick.de bloggt, ange­schaut. In die­sem Fall ist es viel­leicht hilf­reich, die bei­den erst selbst zu Wort kom­men zu las­sen:

Jetzt kann man zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es hier eine dicke Markt­lü­cke gibt. Das Inter­net ist in vie­len Facet­ten nicht leicht zu ver­ste­hen. Das macht beson­ders dann Pro­ble­me, wenn Eltern dar­über nach­den­ken, wie sie ihre Kin­der im Inter­net beglei­ten. Und das tut Not, denn im Inter­net lau­ern recht­li­che und per­sön­li­che Gefah­ren. Ande­rer­seits bewe­gen sich Inter­net­nut­zer ziem­lich frei und unge­bun­den durch das Netz. Wor­auf sol­len sich Eltern daher ein­stel­len?

Das ist in etwa die Fra­ge, der das Ehe­paar Haeus­ler nach­geht. Sicher­lich ist das Buch so geschrie­ben und wird so prä­sen­tiert, dass es sich irgend­wie ren­tiert. Inso­fern ist die­ser Ein­trag auch schon wie­der eine Form von Wer­bung. Aber ande­rer­seits bin ich davon über­zeugt, dass das Buch die Auf­ga­be, Eltern für ihre Auf­ga­be, Kin­der im Umgang mit dem Inter­net ver­ant­wor­tungs­voll zu beglei­ten, gut erfüllt.

Jetzt könn­te ich auch am Buch rum­mo­sern über man­chen gram­ma­tisch nicht ganz so per­fek­ten Satz­bau, ver­kürz­te und somit falsch wir­ken­de Dar­stel­lun­gen oder den Begriff Netz­ge­mü­se, der mich das gan­ze Buch gestört hat. Da mein Fokus aber dar­auf gerich­tet ist, her­aus­zu­fin­den, ob die­ses Buch Eltern eine Hil­fe sein kann, schie­be ich das mal ganz bei­sei­te.

Und wenn das erst­mal bei­sei­te gescho­ben ist fällt zunächst die gro­ße Band­brei­te auf, die das Buch umfasst: Es han­delt den Umgang mit Com­pu­ter­spie­len, ille­ga­le Down­loads, Inter­net­diens­ten, Blogs, Mob­bing, Pseud­ony­men, sozia­len Kom­pe­ten­zen, Taschen­geld, Smart­pho­nes und und und ab. Ich habe auf Anhieb nichts gefun­den, was ich ver­mis­se. Alle The­men wer­den zwar nur ange­ris­sen und Bei­spie­le und Lösungs­an­sät­ze von wirk­lich schwie­ri­gen Pro­ble­men kom­men nicht vor. Das ist aber für ein Eisn­tiegs­buch in die Mate­rie nicht wei­ter schlimm. Die Fra­ge wäre eh, ob man ein sol­ches Buch nicht über­frach­te­te, wenn man zu vie­le Lösun­gen anbie­ten woll­te.

Was ich sehr über­zeu­gend fin­de, ist, dass die Auto­ren heik­le The­men wie Por­no­gra­fie im Inter­net, die von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den kann, nicht umschif­fen.

Das Buch braucht zwar etwa 100 Sei­ten um rich­tig in Schwung zu kom­men, trifft aber dann den rich­ti­gen Ton. Wer also Eltern kennt oder sel­ber erze­hungs­be­rech­tigt ist, dem lege ich die­ses Buch wärms­tens ans Herz.

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Hessel, Stéphane — Empört euch!

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Empö­rung führt zur Ver­bes­se­rung miss­li­cher Lagen, das hat die Ver­gan­gen­heit gezeigt. Daher soll sich die Jugend ruhig empö­ren, wenn sich eine Gele­gen­heit bie­tet. Es kann nur bes­ser wer­den. Die Bot­schaft des Buches ist kurz, aber das ist das Buch sel­ber eben auch.

Wäh­rend ich das Buch im Zug gele­sen habe, saßen mir zwei Män­ner auf einem Vie­rer schräg gegen­über. Der eine hielt aus­ge­brei­tet eine Zei­tung, der ande­re hat­te den Ellen­bo­gen kopf­stüt­zend auf dem rech­ten Ober­schen­kel gestellt und hielt mit der lin­ken Hand ein dicke­res Buch fest. Bei­de lasen.

Und dann — aber Moment, habe ich schon gesagt, dass ich glau­be, dass der Zug­fah­rer mit dem Buch Leh­rer gewe­sen ist? Also, ich glau­be, dass er Leh­rer gewe­sen ist. Dann jeden­falls raschel­te es und der Leh­rer hob sei­nen Kopf und sag­te sei­nem Gegen­über:

Also, das ist jetzt schon min­des­tens das fünf­te Mal, dass Sie einen Teil der Zei­tung fal­len las­sen. So liest man doch kei­ne Zei­tung. Kön­nen Sie nicht auf­pas­sen? Sowas stört einen doch.

Und dann mein­te der Gegen­über:

Na, hören Sie mal! Ich bin Besit­zer die­ser Zei­tung und kann doch wohl mei­ne Zei­tung im Zug fal­len las­sen, so oft und so lan­ge ich will.

Und dann nahm er einen Teil der Zei­tung und ließ ihn mit aus­ge­streck­tem Arm den Leh­rer im Blick demons­tra­tiv fal­len. Den Kopf etwas zurück­zie­hend schau­te der Leh­rer sein Gegen­über Zäh­ne zei­gend mit streng geschürz­ten Lip­pen ob die­ser Unkul­ti­viert­heit ange­wie­dert an, strich über die Falz sei­nes Buches und las kopf­schüt­telnd wei­ter. Aber nur kurz. Er blick­te wie­der rüber und sag­te:

Aber dann neh­men Sie doch wenigs­tens die Wer­bung, da ist das Papier dicker. Und die kann sogar auf dem Boden ste­hen, wenn man sie schon run­ter­wirft.

Und dann nahm er ein Wer­be­pro­spekt sei­nes Gegen­übers und liess das demons­tra­tiv fal­len. Das Pro­spekt stand für 5 Sekun­den und sank dann gänz­lich zu Boden.

Sehen Sie? Das geht viel bes­ser.

Ich weiß nicht, wie die bei­den Kon­tra­hen­ten ver­blie­ben sind, weil ich an der nächs­ten Hal­te­stel­le den Zug ver­ließ. Aber dass es so wün­schens­wert ist, sich immer und über­all gleich zu empö­ren, davon war ich bei Ver­las­sen des Zuges weit weni­ger über­zeugt.

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Hansen, Eric T. — Nörgeln !

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Nör­geln – wer kennt es nicht, wer tut es nicht, wen nervt es nicht? Eric T. Han­sen hat sich des The­mas auf sehr humor­vol­le Wei­se ange­nom­men. Gera­de auf den ers­ten Sei­ten erweist er sich als Fach­mann des Nör­gelns und des wis­sen­schaft­li­chen Nör­gelns.

In der Nör­gel­ge­schich­te der Lite­ra­tur steht Faust als lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk ein­sam da. Goe­thes wah­res Genie im Erschaf­fen die­ser Jahr­tau­send­fi­gur wird erst recht deut­lich, wenn man Faust mit ande­ren gro­ßen lite­ra­ri­schen Jam­me­rern der Welt­li­te­ra­tur ver­gleicht. Wie viel kon­se­quen­ter und authen­ti­scher wäre es gewe­sen, wenn Shake­spears Ham­let ohne Grund unzu­frie­den wäre:

Bin ich nun, ach! Prinz,
erfolg­reich, wohl­ha­bend,
erbe dem­nächst ein König­reich,
und bin lei­der auch gut­aus­se­hend,
die sexy Ophe­lia macht mir durch­aus
Augen mit hei­ßem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und fin­de alles genau­so Schei­ße wie zuvor.

Die Lek­tü­re unter­hält also ganz beschau­lich und ent­täuscht auch sprach­lich nicht. Ich ver­mis­se dabei aller­dings eine Abgren­zung von Nör­geln zu gerecht­fer­tig­ter Kri­tik. War die­ser Satz jetzt in Han­sens Augen nur nör­geln? Im zwei­ten Teil des Buches geht dem Autor dann auch in die­ser Hin­sicht die Pus­te aus und es wird sehr weit­läu­fig von Nör­geln gespro­chen, was weder über­zeugt, noch wit­zig ist. Dafür ist der Leser durch den ers­ten Teil schon hin­rei­chend ent­schä­digt. Eine unterm Strich sehr geist­rei­che Lek­tü­re.

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Rosenbach, Marcel & Holger Stark — Staatsfeind Wikileaks

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Die­ses Buch war­tet mit diver­sen Anek­do­ten rund um Wiki­leaks, Wikileaks-Gründer Juli­an Assan­ge und Fol­ge­be­trach­tun­gen der Ver­öf­fent­li­chun­gen von Wiki­leaks auf, ufert nach der Hälf­te des Buches aber in Über­le­gun­gen über den rech­ten Jour­na­lis­mus aus, die nicht zuen­de gedacht wir­ken. Also ein klas­si­sches SPIEGEL-Produkt. Tie­fe­re Ein­bli­cke in die Funk­ti­ons­wei­se von Wiki­leaks gibt es nicht und auch ansons­ten bleibt der Blick meist außen vor.
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