Was liegt näher, als jemandem wie mir, der eine Freundin mit sowjetischem Hintergrund hat und der gerne liest, ein Buch wie Meine russische Schwiegermutter und andere Katastrophen zu schenken? Scheinbar nicht viel.
Kurz und gut: Es ist ein ärgerlich dämliches Buch. Es kommen so blöde Sätze vor wie “Sehr gern dachte ich und spürte dem Klang seiner Stimme nach, die durch meinen Körper rauschte”. Der müsste es heißen. Nur noch getoppt von
Wenn ich ihn sah, musste ich unwillkürlich an eine Szene aus dem Film “Ein Fisch namens Wanda” denken: John Cleese bringt Jamie Lee Curtis fast um den Verstand, indem er während des Liebesspiels auf Russisch rezitiert.
Geschenkt, dass es nicht um die Schauspieler, sondern um die Rollen geht. Aber im Film ist ziemlich klar, dass ein Phantasierussisch gesprochen wird, kein Echtes.
Das Buch handelt von russischen Klischees: Russen sind halt vereinnahmende, stumpfe, trinkfreudige Chaoten und die Gestaltung des Buches macht klar, das sowas typisch sein soll. Leider gewinnt das Buch kein tiefergehendes Niveau, weder sprachlich noch inhaltlich. Gaby Hauptmann im Fahrwasser von Maria, ihm schmeckt’s nicht für Leute, die über osteuropäische Stereotype kichern wollen.
Tipp: Besser Alina Bronsky lesen.
Wer das Buch lesen möchte, der sollte am 1:00 nicht mehr hinhören. Es gibt auch einen Podcast mit David Baddiel und Pascal Fischer über das Buch.
Dieser Roman ist auf seine eigene Art etwas sperrig. Alle bisherigen Baddiel-Romane waren in ihrer Art anders, so verwundert das schon mal nicht. In dieser Geschichte um den bevorstehenden Tod des zweitberühmtesten Schriftstellers der USA nach Philip Roth, welcher im Roman sogar auftritt, gibt es drei Erzählstränge, die der Leser erst einmal durchschauen muss.
Zwei der Erzählstränge überzeugen mich nicht, der dritte, der des leiblichen, aber entfremdeten Sohnes ist da schon interessanter und hat gute Stellen, gerade wenn es um die eigene Übermedikamentierung geht. Aber insgesamt empfinde ich diesen Roman, der im April auf deutsch mit dem unpassenden Titel Halb so wild erscheint, als den schwächsten unter Baddiels Büchern.
Das Arrangement des bevorstehenden Todes eines großen Literaten ist interessant, wird aber nur am Rande thematisiert. Die Geschichte der Tochter interessiert mich herzlich wenig und ich hatte den Eindruck, dieser Strang wird auch irgendwann aufgegeben. Der dritte Strang ging ziemlich an mir vorbei.
Insgesammt kommt mir das Buch eher wie ein Drehbuch eines interessant werden könnenden Films vor als ein gelunger Roman. Schade.
mehr im logbuch David Baddiel – Whatever love means
77 fiktive Portraits deutscher Prominenten, geschrieben teils von Oliver Welke, teils von Dietmar Wischmeyer, und daher teils langweilend uninspiriert und teils unterhaltsam bis höchstamüsant. Wischmeyer hat diese Portraitform in der ARD mal vorgeführt, ungefähr so funktionieren die guten Portraits, wenn sich auch die Stilmittel ab und an wiederholen und somit dem Leser bekannt vorkommen:
Andererseits versteht es Wischmeyer, Prominente an ihrer Achillesverse, der Eitelkeit, zu treffen und sein Publikum mit einem einzigen Satz in schallendes Gelächter zu versetzen. Wie hier bei Gerhard Schröder:
Wenn Schröder morgens das Bad verlässt, dann ist er sicher, dass sein Bild im Spiegel noch minutenlang verharrt, ehe es erlischt.
Heute Abend habe ich das erte Mal nach Jahren wieder einmal Bücher in eine Buchtauschbörse eingestellt. Der erste derartige Dienst wurde irgendwann kostenpflichtig, war aber auch unsympathisch, so dass ich mich dort verzog, der Nachfolger ist gerade gar nicht erreichbar, daher bin ich nun bei MeinBuch-DeinBuch.com gelandet.
Das Gute für mich an den Tauschbörsen war, dass ich meine Bücherregale radikal umgekrempelt habe: Taschenbücher raus, gebundene Bücher rein. Inzwischen tummeln sich deutlich mehr gebundene als Taschenbücher in den Regalen, was mich etwas stutzig macht, aber auch zufrieden. Irgendwie erinnere ich mich kaum an irgendwelche Taschenbücher, die nun nicht mehr da sind. Bei gebundenen würde das anders ausschauen.
Bei booklooker.de sind zudem Bücher für sehr wenig Geld erhältlich, so dass man gar nicht tauschen muss, sondern für wenige Ocken ein gewünschtes Buch erhält. Vielleicht ist also die große Zeit der Büchertauschbörsen vorbei, der illegale E-Book-Tausch floriert andererseits auch ungemein – wer will da gebrauchte Taschenbücher?
To keep the spirit alive sind nun also 4 Büchers in eine Tauschbörse gewandert, mal sehen, ob sie angenommen werden. Bei booklooker sind sie den Aufwand nicht mehr wert, sie einfach so in ein öffentliches Bücherregal zu stellen, na, dagegen wehre ich mich. Noch.
Seit ein paar Wochen leite ich ja meine Spatziergänge an öffentlichen Bücherschränken vorbei und hinterlasse wie heute wirklich Lesenswertes und sowas, was verständnisvollere Hände erreichen könnte, in diesen Glaskästen. In Kanada geht das ganze auch über einen Automaten, der gegen 2€ ein gebrauchtes Buch springen lässt:
[via]
Ja, gleiches Prinzip irgendwie, gebrauchte Bücher als Überraschungseffekt, dennoch gefallen mir die öffentlichen Bücherschränke eben doch besser, weil man viel leichter an einem nicht ganz so gewöhnlichen Ort mit anderen Menschen in Gespräche über Bücher kommt.
Marc Fischer nahm sich 2011 das Leben. Zudem verlor er sich in seiner selbst so genannten “Fischerwelt”, dass jede nähere Befassung mit ihm und diesem Buch nicht unbedingt zu guter Laune führt. Dem Leser bleibt bei all den in diesem Buch versammelten Reportagen Fischers die Frage, was schief gelaufen ist. Und die Frage, warum einen diese Frage umtreiben sollte. Ich vermag weder die eine, noch die andere gut zu beantworten. Der Popjournalismus, den er hier vertritt, hat durchaus Ansätze von Haltung (wie im bestechenden Text über Katja Riemann), aber eine zufriedenstellende Aussage finde ich nirgends.
Peter Lau schreibt:
T. glaubt ebenfalls, dass Berlin Fischer nicht gutgetan hat. „Wer zieht denn hier hin? Die Männer, die sich um ihre Frauen und ihre Kinder kümmern, die bleiben in Solingen oder in Nürnberg. Nach Berlin gehen die, die etwas erleben wollen und sich für großartig halten. Und das sind dann die Leute, die in den Medien unser Bild von der Welt prägen. Marc hatte oft Freun dinnen mit Kindern, er mochte Kinder. Aber er hielt sich trotzdem alles offen. Er hatte, glaube ich, dieses Gefühl: Wenn ich mal groß bin, habe ich auch Kinder. Als er merkte, dass er schon groß war, war das für ihn ein Schock. Marc war letztlich ein sehr einsamer Mensch. Und er ist gestorben, weil keiner auf ihn aufgepasst hat. Das kann auch kein Arzt. Das müssen Freunde machen, dafür sind Freunde da.“
Ich weiß nicht, was man außerhalb der Berlin-Blase mit Fischers Erbe anfangen kann.
mehr
Cornelius Wüllenkemper: Zwischen Weltbeobachtung und Projektion
Peter Lau: Woran starb Marc Fischer? in: brand eins. Heft 2/2012, S. 152–162 (Versuch einer journalistischen Würdigung und Erklärung Fischers)
Den Text gibt es gerade als 99-Cent-E-Book-Ausgabe und dann kann man sich sowas schon mal fix durchlesen. Wallace’ Rede an Anfänger eines geisteswissenschaftlichen Studiums und irgendwie auch jeden, der seinen Kopf ernsthaft beschäftigt, ist eine Rückbesinnung darauf, dass es im Leben auch stark darum geht, das eigene Denkvermögen in den Griff zu bekommen. Sicher, das alles ist irgendwie Descartes ohne Descartes zu nennen. Aber es ist peppig vorgetragen und nahe am Zuhörer ausgedrückt, und so hört man Wallace gerne zu. Auf Youtube kann man sich die Rede auch im Original anhören. Bitter, dass derjenige, der hier Heranwachsenden darauf vorbereiten will, sich darauf einzustellen, wie man 50 wird ohne sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, selbst keine 50 geworden ist. Der Umgang mit Medikamenten ist eben noch ein anderes Thema.



