Guten Morgen allerseits!

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Graeme Simsion – Das Rosie-Projekt

buchleserDieser Schinken wird jetzt schon als Weltbestseller gehandelt, was nichts über die Qualität aussagt: Autistisch veranlagter Autismus-Wissenschaftler geht per ausgeklügeltem Fragebogen auf Brautschau und verliebt sich in die Falsche, der er bei ihrer Vatersuche behilflich ist. Die Irritationen, die er als autistisch Veranlagter in Situationen hervorruft, wenn er sich politisch korrekt verhalten möchte, sind der Witz an dieser Geschichte – leider der einzige.

Wer sich die Geschichte doch vornehmen möchte, dem sei das von Robert Stadlober vorgelesene Hörbuch ans Herz gelegt.

Daniel Wichmann: Ella – Die abgestumpften Leiden des jungen W.

wichmannella Daniel Wichmann hat ein autobiographisch anmutendes Buch über einen Daniel Wichmann geschrieben, der aus Ibbenbüren stammt und sein Leben in Berlin durch Anschaffung eines Hundes versucht zu ändern.

Jener Daniel Wichmann lebt mit seiner Freundin in der Bundeshauptstadt und gerade scheint er definitiv ins Erwachsenenleben hineinzuschliddern: Seine Freundin ist auf dem Weg in eine wegweisende berufliche Position, er schließt sein Studium ab und gelangt an seinen ersten Job, und in der Beziehung bahnt sich an, dass klar werden soll, wohin die Reise geht. Allerdings krieselt es etwas, die Freundin vermisst am Verhalten ihres Freundes etwas, er beschließt einen Hund zu kaufen, um zu zeigen, dass er bereit ist, für die Beziehung etwas zu riskieren – denn er leidet unter einer Angst vor Hunden. Da bricht das Unheil auf ihn ein: Seine Freundin zieht es beruflich nach Hamburg, sein Job nimmt ihm die Zeit, sich passend um den Hund zu kümmern. Er nimmt unangemeldet einen trinkfreudigen und auch sonst chaotischen Untermieter auf und verliert wegen Hund und Untermieter Job und Wohnung. Für unseren Dandy ist dies allerdings ein Schritt in die richtige Richtung, denn erfindet ein mietbares Haus in der Umgebung Berlins, in das er samt Freundin, die es in Hamburg alleine nicht aushält, und Hund einzuziehen gedenkt.

Die Spannung des Buches speist sich natürlich etwas aus der Frage, inwieweit Wichmann hier autobiographisch vorgeht und was erfunden ist. Zumindest – und das ist die große Stärke des Buches – betreibt er keine Schönfärberei. Seine Hauptfigur ist ein ziemlicher Kauz, fast apatisch im Umgang mit seiner Umwelt. In den eigenen vier Wänden fährt er schon mal aus der Haut, während er außerhalb den Schwanz einzieht. Seiner Freundin kauft er einen Hund, um die Beziehung zu retten, was ein doch sehr seltsamer Schritt ist, wie auch die Freundin später anmerkt und in Tränen ausbricht. Und ob das Vorhaben so überhaupt gelingt, steht in den Sternen. Sein Untermieter ist im Gegensatz zu seiner eigenen Spießigkeit ein Bonvivant, mit dem der Buch-Daniel aber wenig anzufangen weiß. Den Leser lässt er gerade anfangs mit vielen Vergleichen, die unerklärt in der Luft hängen bleiben, und den Kapiteln vorangestellten Zierzitaten alleine. Aber warum sollte es dem Leser auch anders ergehen als den Personen im Buch?

Wichmann verkauft seine Leser nicht für blöd, riskiert einiges mit einer so autobiographischen Geschichte und liefert ein durchaus interessantes Ibbenbüren-Bild. Überhaupt sollte Ibbenbüren öfter in der Literatur auftauchen, wenn man mich fragt. Also: Lesen Sie diese Geschichte!

Daniel Wichmann – Ella: Ein Hund fürs Leben , ISBN: 3855357943, Erscheinungstermin: 20.02.2014

Jens Mühling – Mein russisches Abenteuer

buchleserDieses Buch ist eine Art Road-Movie zwischen Buchdeckeln quer durch Russland und die Ukraine. Mühling ist auf der Suche nach wahren Geschichten, von denen ihm ein Freund mal sagte, es gäbe sie nur in Russland zu finden. So macht er sich eines Tages auf den Weg, Agafja Lykowa zu treffen, was sich als waghalsiges, wenn nicht gar lebensgefährliches Abenteuer erweist.

Man lernt in diesem Buch vieles über die Geschichte Russlands und einiges über den Umgang mit Russen. Agafja Lykowa ist wohl die Dame in diesem Video:

Ein sehr lesenswerter Schmöker für alle, die mal einen Blick über den Tellerrand wagen wollen.

Agnes Hammer: Ich blogg dich weg!

Ich blogg dic weg!Jule ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Band beim Schulfest auftreten soll. Dann erhält sie jedoch anonyme E-Mails, Beschimpfungen und Drohungen. Ein Fake-Profil von ihr taucht im Internet auf und ihr wird nahe gelegt, die Band zu verlassen. In dieser starken Bedrängnis kommt es schließlich zur gewalttätigen Auseinandersetzung.

Das Buch von Agnes Hammer behandelt ein sehr aktuelles Thema: Die Problematik, dass Jugendliche einerseits in der realen und andererseits in der virtuellen Welt unterwegs sind, und es schwierig wird, wenn Probleme der einen Sphäre mit der anderen in Berührung kommen, indem anonymes Mobbing betrieben wird.

Was der Leser schnell merkt, ist, dass es sich hierbei um eine klassische Schullektüre handelt, und das ist auch schon das Manko des Buches, wenn man so will: Die Geschichte ist überraschungsarm, vorhersehbar, das klassische Problem, dass die jugendliche Erzählerin mit mitunter arg verschachtelteln Sätzen alles andere als jugendlich klingt, sowie dass sich die Akteure für Jugendliche doch sehr abgeklärt verhalten. Bei erotischen Situationen wirkt die political correctness dann schon mal belustigend.

Aber als Schullektüre, und für eine kommunikative Behandlung durch Jugendliche ist das Buch, das einen für Jugendliche sehr fairen Preis hat, sicherlich hervorragend geeignet.

Peter Buwalda – Bonita Avenue

buchleserMehr als 300.000 Mal wurde dieser Schmöker alleine in den Niederlanden verkauft. Es handelt vom Enscheder Hochschullehrer Sierius, dessen Kinder seiner Patchwork-Familie im Erwachsenenalter Probleme machen, was als heillose, gewaltvolle und sexuelle Katastrophe sein Leben zerstört.

Der Vergleich mit Jonathan Franzen hinkt, denn hierbei handelt es sich weniger um eine gesellschaftliche Analyse über eine Familie als um die Odysee eines familiären Niedergangs. Im Niederländischen reißt der Roman durch seine Wortgewalt mit, welche in der deutschen Übersetzung leider oftmals holprig daher kommt. Man braucht sicherlich einen längeren Atem, um mit dem Werk zurecht zu kommen, aber es lohnt sich.

Atze Schröder – Und dann kam Ute

Buchleser … erinnert etwas an Und dann kam Polly und hat gefühlt denselben Plot: Charismatische Sie bringt heldenhaften und vermögenden Ihn unter ihre Fittiche. Spannungsärmer wär’s wohl nicht gegangen. Manchmal taucht unser Emsdettener Komiker aus dieser selbstverliebten Labergeschichte auf und bringt Schmunzelbares wie

Als ich beim Pinkeln in den Spiegel schaute, sah ich so fertig aus wie Helmut Schmidt nach einer Elektrozigarette.

aber, das ist rar gesät, der Witz verbleibt im Metaphorischen und wird gerne mal wiederholt. Eine bessere Klolektüre oder irgendwas für den Strand. Mehr dann doch nicht.

Kurt Flasch – Warum ich kein Christ bin

Buchleser

Der englische Philosoph Bertrand Russell hat 1927 einen Vortrag mit dem Titel Warum ich kein Christ bin gehalten. Darin kritisiert er christliche Argumentationen wie Gottesbeweise und moralische Argumente als widerprüchlich und nicht konsistent. Ein Christ ist für Russell jemand, der an Gott, Unsterblichkeit und Christus glaubt:

Ich meine, man muss wenigstens daran glauben, dass Christus, wenn schon nicht göttlich, so doch zumindest der Beste und Weiseste der Menschen war. Wenn Sie nicht einmal soviel von Christus glauben, haben Sie meiner Ansicht nach kein Recht, sich als Christen zu bezeichnen.

Der deutsche Philosoph Kurt Flasch geht in seinem aktuellen Buch Warum ich kein Christ bin in ähnlicher Hinsicht diverse Textauseinandersetzungen mit biblischen Stellen und Argumentationen von christlicher Seite ein. Das alleine ist schon sehr lesenswert. Im Grunde sagt er aber gar nichts anderes als Russell:

Ja, ich bin kein Christ, wenn man unter einem Christen jemanden versteht, der an Gott, an ein Leben nach dem Tod und an die Gottheit Christi glaubt. (Kapitel IV.)

Für Philosophen ist es schon mal verwunderlich, dass auf einen so unklaren Satz verwiesen wird: Wie bedeutsam ist das “und” im Satz? Was versteht man genau unter “glauben”?

In einem aktuellen Interview mit Papst Franziskus findet man den interessanten, auf das Christentum bezogenen Satz:

Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.

Einmischungen kann es wegen mir, sofern sie rechtlich akzeptabel sind, durchaus geben. Er könnte aber auch das Verbitten von Bevormundung bezüglich des eigenen Denkens meinen – und das wäre ein Hammer (nicht nur, weil man so Russell und Flasch den Wind aus den Segeln nimmt): Man könne als Christ Agnostiker sein, der sich an den Geschichten der Bibel orientiert, im Grunde seine Überzeugungen aber selbst verantwortet. In gewisser Hinsicht verstehe ich Kant so, der Beispiele aus der Bibel für passende Umsetzungen des Kategorischen Imperativs, der für sich genommen von Kant philosophisch hergeleitet wird, hält.

Jörg Hartmann/ Jürgen Kehrer – Wilsberg: In alter Freundschaft

wilsbergfreundschaft Den zweiten Wilsberg-Krimi gibt es seit letztem Jahr auch als Comic-Version (die gibt es auch online), illustriert durch Zeichnungen von Jörg Hartmann. Damit trifft man neben den zwei Fernsehermittlern nun auf die dritte bildliche Verkörperung des Georg Wilsberg. Würde mich ja wundern, wenn der es nicht noch in Münster auf die Bühne schafft.

Hartmann gelingen sehr schöne Zeichnungen Münsters und Amsterdams, das hat mir sehr gut gefallen. Der Fall ist ähnlich spannungsreich oder spannungsarm wie der erste, hat einen ähnlichen Verlauf, was aber als Comic durchaus unterhaltsam funktioniert. Die Verfilmung wartet mit der bezaubernden Barbara Rudnik auf, einem gut aufgelegten Thorsten Nindel, Thomas Schücke und einer glänzenden Rita Russek.

Worum geht’s? Wilsberg muss die Verstrickungen, in die seine alte, immer noch verehrte Jugendliebe sich verfing und letzten Endes daran zu Grunde ging, entwirren. Dabei kriegt er wahlweise derbe eins auf’s Maul (Buch/Comic) oder mit der Polizei zu tun (Film).

Jürgen Kehrer – Und die Toten lässt man ruhen

wilsberg1996

23 Jahre nach dem Erscheinen des Buches und 18 Jahre nach der Verfilmung war es mal an der Zeit, den ersten Wilsberg unter die Lupe zu nehmen – wenn man schon einmal dabei ist, Münsterland-Krimis zu lesen.

Ein psychisch angeschlagener Mann aus Nordwalde beauftragt den Münz- und Briefmarkenhändler Georg Wilsberg, der zusätzlich als Detektiv arbetet, den vermeindlichen Selbstmord seines Bruders vor 11 bzw. 16 Jahren zu untersuchen. Wilsberg kommt einem Korruptionsskandal auf die Spur und löst das Geheimnis um den fingierten Selbstmord.

Im Buch wird die Geschichte ab und an mit etwas Lokalkolorit dekoriert, die Auflösung kommt schließlich aber etwas aus heiterem Himmel. Zum Mitraten oder -fiebern ist das nichts.

Der Film hat außer einer Verfolgungsjagd durch die Innenstadt und ein paar älteren Häusern wenig Lokalkolorit zu bieten, dafür spielen die großartige Hans-Martin Stier, Stefan Wimmer und Heinrich Schafmeister mit, letzterer der einzige, der in folgenden Wilsberg-Filmen wiederzusehen ist. Joachim Król spielt eigentlich so wie immer. Der Auftraggeber und seine Nichte werden als psychisch angeschlagener dargestellt als im Buch, was etwas überzogen wird. Der böse Kommissar wird auch etwas anders dargestellt. Ansonsten entspricht der Film in vielen Dingen der Vorlage.

Alles in allem: Harmlose Unterhaltung, die man schnell vergisst.

Leif Randt – Schimmernder Dunst über CobyCounty

buchleser In CobyCounty verläuft sich alles im Dunst: Persönliche Beziehungen, persönlicher Ehrgeiz, alle Neugier auf die Welt außerhalb von CobyCounty, alles Interesse am anderen. Selbst politische Neuanfänge und Naturgewalten können dem dortigen Lebensstil nichts anhaben.

Dass so gar nichts einschneidend ist, ist vielleicht der Makel dieses kurzen Buches, denn der Leser weiß nicht so recht, ob er es hier mit einem epochalen Generationenroman zu tun hat oder den Schreibübungen eines Absolventen eines Creative-Writing-Studiengangs. Allerdings ist es sprachlich vorzüglich.

April 2014
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