Linktipp: sofaschmöker.de.

Hoeneß

Da treffe ich den Uli an der Wurst­bra­te­rei, wie er sein Würst­chen gerade in den Senf auf der Papp­schale tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil neh­mend an sei­ner Umge­bung. Und irgend­wie bleibt man doch nicht schwei­gend dane­ben ste­hen.

“Alles gut?”

– “Was soll schon sein? Läuft alles.”

“Naja, die Presse und die Staats­an­walt­schaft sitzt dir doch im Nacken. Ange­nehm ist das doch sicher­lich nicht.”

– “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer dar­auf ver­las­sen, selbst zu kämp­fen. Immer. Sowas scho­ckiert mich nicht son­der­lich. Und wenn man dann so gran­dios gegen den wich­tigs­ten Fuss­ball­ver­ein der Welt gewinnt, dann bestä­tigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgend­wel­che Hin­ter­zim­merad­vo­ka­ten.”

“Aber genau die kön­nen dir doch ans Bein pin­keln.”

– “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Ver­ein vor­ste­hen, da müs­sen sie wis­sen, wie sie mit Leu­ten umge­hen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weni­ger Eitel­keit, als viel­mehr Selbst­be­haup­tung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

“Und wo bleibt die Rücken­de­ckung, außer von Franz und Kalle?”

– “Da drau­ßen wird kein Fuß­ball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Mann­de­ckung, da wird nicht abge­pfif­fen, wenn jemand dich foult. Da musst du vor­sor­gen. Schau, die Spa­nier waren ja vor­bil­dich, was ihre Netz­werkar­beit anging. Nur war die viel zu stark vom Finan­zi­el­len abhän­gig. Bei uns wir­ken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanz­stark, dafür kip­pen wir nicht um, wenn eine Säule insta­bil ist. Und bei mir funk­tio­niert das ähn­lich.”

“Das heißt, dein Ein­fluss wird nicht weni­ger, selbst wenn du fal­len soll­test?”

– “Das wer­den wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch ein­mal von sei­ner gesenf­ten Brat­wurst ab, schiefte ordent­lich in sein Stoff­ta­schen­tusch, warf die gebrauchte Papp­schale in den über­vol­len Müll­korb, nickte mir bestimmt zu und schlurfte zu sei­nem Audi rüber, den er mit sei­ner Schlüs­sel­fern­be­die­nung auf­blin­ken ließ.

Lauter Loser

Neu­lich traf ich Gott in mei­ner Stamm­kneipe und zwi­schen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

“Sag mal, was ist denn da oben eigent­lich los? Ein spar­süch­ti­ger Argen­ti­nier wird Papst, durch die Wirt­schaft ver­lot­tert die Moral und das Wet­ter passt doch auch vorne und hin­ten nicht.”

– “Ach, hör bloß auf!”

“Na, sag doch!”

– “Das war damals wun­der­bar geplant: Die Moral wird an die Kir­che out­ge­sour­ced und wir kön­nen uns da oben einen schö­nen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze küm­mern, du ver­stehst?”

“Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaf­fen, mit weni­ger Bugs. So mit stär­ke­rem Pro­zes­sor, aber die­ses Mal intern, nicht extern, ver­stehste, gei­le­rer Gra­fik sowieso, aktu­el­lere Netz­werk­tech­nik, bes­sere Kon­den­sa­to­ren, sowas halt – und irgendwo ener­gie­spa­ren­der.”

“Woran haperte es denn?”

– “Ja, konnte unser­eins denn ahnen, dass man wegen dem Alt­teil da immer um Sup­port gebe­ten wer­den? Dau­ernd zankt sich wer, dau­ernd ver­zwei­felt wer, dau­ernd wun­dert sich einer, dass er das Teil wirk­lich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Wei­ter­ent­wick­lung küm­mert sich kei­ner so recht, nur um Unter­hal­tung.”

“Aber die Reli­gio­nen ver­su­chen ja immer­hin, den Laden zusam­men zu hal­ten.”

– “Ja, genau! Was die Reli­gio­nen sich da zusam­men­spin­nen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeb­lich alles auch noch gesagt und befoh­len haben. Na, schö­nen Dank auch. Als hätte ich nichts bes­se­res zu tun als tau­send­sei­tige Betriebs­an­lei­tun­gen raus­zu­ge­ben. Und da soll ich mich auch noch ums Wet­ter küm­mern. Ja, bin ich denn der Haus­meis­ter, oder was? Ich habe sowas kom­ple­xes wie die Erd­an­zie­hungs­kraft ertüf­telt, aber auf die Idee, einen Haus­meis­ter ein­zu­stel­len, bin ich nicht gekom­men, oder was? Ich hab’ ein­fach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trock­nen­den Bier­schaum­spu­ren am obe­ren Rand mei­nes Gla­ses bis mich der Glä­ser put­zende Bar­kee­per antippte: “Lass ihn ein­fach, heute ist nur einer die­ser Tage.”

Großstadt

A large city can­not be expe­ri­en­ti­ally known;
its life is too mani­fold for any indi­vi­dual
to be able to par­ti­ci­pate in it.

Aldous Hux­ley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Aus­gabe von Gebro­chen Deutsch anfängt, meine Freun­din und ihre Freun­din kom­men erst in einer hal­ben Stunde, also starte ich ein Stadt­me­lan­cho­lie­ren, die­ses Mal in einer Groß­stadt oder zumin­dest einer, die sich dafür hält: Düs­sel­dorf. Und was einem schnell auf­fällt: 18 Uhr ist eine schlimms­ten Uhr­zei­ten in Düs­sel­dorfs Innen­stadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahr­rad­fah­rer, die weni­gen Pas­san­ten gehen nicht, son­dern has­ten über die Bau­stel­len­am­peln der Fuß­gän­ger­zone und dau­ernd pat­schen ohr­be­stöp­selte Men­schen auf ihre hell erleuch­te­ten Com­pu­ter­te­le­fone. Ein­kau­fen will kei­ner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bür­ger­steige hoch­ge­klappt wer­den. Selbst die Knie­bett­ler haben schon ein­ge­packt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlen­dere in einen Arka­den­bau hin­ein. Auch hier: Gäh­nende Leere. Keine chi­ne­si­sche Geis­ter­stadt­ein­kaufs­pas­sage, aber eine gänz­lich unin­spi­rie­rende. Ich lehne mich an ein Gelän­der, da fängt unter mir Kla­vier­mu­sik an. Eine Bar­ho­cker­sän­ge­rin into­niert Night & Day. Etwas merk­wür­dig, denn im Kel­ler des Arka­den­baus ist nie zu erken­nen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Ver­wei­len lädt mich nichts ein. Ich erin­nere mich an eine Pas­sage aus Erich Käs­t­ners Fabian, in der Fabian fest­hält, dass Kauf­häu­ser unheim­lich gut geeig­nete Orte für Streu­ner sind, die eh nichts kau­fen, son­dern sich nur auf­wär­men wol­len, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buch­han­dels­kette betrete. Hier wird mit Büchern noch Han­del betrie­ben, ins Auge sprin­gen nur Best­sel­ler. Gute Bücher sucht man fast ver­geb­lich. Ich ent­sinne mich, dass man frü­her, was heute nur noch in Kla­mot­ten­ge­schäf­ten pas­siert, in Büche­rä­den noch von Ver­käu­fern ange­spro­chen wurde, um bei der Lite­ra­tur­su­che behilf­lich zu sein. Als ich zwei laut­hals trat­schende Kol­le­gin­nen an der Kasse zuhö­ren muss, die in die­ser Kette gelan­det sind, weil sie auf der Schule frü­her davon träum­ten, Schrift­stel­le­rin­nen zu wer­den, danke ich inner­lich dafür, dass mir heute Lite­ra­tur­tipps von 400-Euro-Kräften erspart blei­ben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, noch­mal durch die Fuß­gän­ger­zone, ab zum Schau­spiel­haus. Ich regis­triere, dass kaum ein Geschäft irgend­et­was hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woan­ders, wer holt sich diese Sachen? In der Par­fü­me­rie­fi­liale ent­de­cke ich einen die­ser flach­brüs­ti­gen Fla­kon­bo­dy­guards, der nie lächelt und sei­nen Blick so mecha­nisch schwenkt, als sei er schon ein Halbro­bo­ter, der das mit der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­tion noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich ein­mal groß bin, werde ich Raus­schmeis­ser.

Ich errei­che nun über bepfütz­tes Bau­stel­len­ge­biet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Beton­plat­ten mar­kie­ren die Trost­lo­sig­keit auf dem Vor­hofs des Schau­spiel­hau­ses. Ein leich­ter Wind zieht auf und es tröp­felt etwas. Zur Lin­ken ragt das leer­ste­hende, hyh­nen­hafte Thyssen-Bürogebäude in den Nacht­him­mel.

Ich lasse mei­nen Blick nach rechts schwei­fen und ent­de­cke im zwei­to­bers­ten Stock­werk des dor­ti­gen, noch bezo­ge­nen Büro­ge­bäu­des ein vorm Com­pu­ter sit­zen­des Hop­per­mo­tiv:

Er wird noch da sit­zen, als wir das Schau­spiel­haus wie­der ver­las­sen.

Ich schaue nach vorne zur Anzei­gen­ta­fel des Schau­spiel­hau­ses, die wie der Vor­hof mit Ästhe­tik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir ent­ge­gen, dem ein­zi­gen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünkt­lich­keits­stress.

End­lich kommt meine Freun­din und ihre Beglei­tung zwei Minu­ten vor Vor­stel­lungs­be­ginn. Auf der Bühne sitzt die­ses Mal eine Nie­der­län­de­rin aus Ams­ter­dam, die in Düs­sel­dorf gestran­det ist. Gestran­det ist viel­leicht ein zu ästhe­ti­sches Wort. Denn Düs­sel­dorf ist nicht schön, sagt sie. Ams­ter­dam ist schön. Aber Düs­sel­dorf? Nein, keine Frage, Düs­sel­dorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahr­rad den Rhein hin­un­ter in Rich­tung Kai­sers­werth. Schön da, aber irgend­wie nicht Düs­sel­dorf. Düs­sel­dorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schön­heit der Stadt iden­ti­fi­zie­ren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düs­sel­dorf.

Beim Hin­aus­ge­hen merkt die Freun­din mei­ner Freun­din an, dass sie es nie ver­stan­den hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, sol­che Stra­ßen gäb es dut­zend­fach in Ham­burg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innen­stadt. Das sei aber ganz nor­mal in der Woche nach der Kar­ne­vals­zeit, sagt meine Freun­din. Die Leute gin­gen ein­fach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depres­sion über die Ein­kaufs­pas­sa­gen und Cafés. Ach so.

Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du lie­bes Biss­chen! Ja, frü­her, da war das roman­tisch und so. Das war ja auch alles nur in Fern­se­hen. Da rit­ten die Ame­ri­ka­ner auf ihre gestrie­gel­ten Pferd­chen durchs wilde Was­weis­sichnichs­tan und erober­ten die Prä­rie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Ein­ge­bo­re­nen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lauer um rum­zu­schie­ßen und Leute zu über­fal­len. Humor hatte von denen kei­ner, da kann­ten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur über­fal­len und Büf­fel­suppe auf­ko­chen.

Als dann die Eisen­bah­nen erfun­den wur­den, da lagen sie dann anne Schie­nen zu hor­chen. Da mach­ten die Loks wohl son­nen Krach, dass sich das über die Schie­nen ange­kün­digt hat. Das war quasi, woll­ma­sa­gen, der Vor­läu­fer vom Tele­fon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wurde über­fal­len und abends auf den Erfolg wie­der ordent­lich Büf­fel­suppe getrun­ken. Und immer so wei­ter.

Ja, und nun hat da wohl einer zu lange in Ber­lin die alten Winnetou-Folgen sich rein­ge­pfif­fen getan. Jetzt wol­len die das hier ein­füh­ren. So nen Bun­des­in­dia­ner. Der liegt dann anne Geräte und horcht ab, was da so abgeht. Nur weil der diese Tele­fo­nier­ab­hör­tech­nik vor Jahr­hun­der­ten schon im Blut hatte. Die hamse dann über die Büf­fel­suppe wei­ter­ver­erbt. So wird das wohl gewe­sen sein. Dass das doch eigent­lich kri­mi­nell ist, das stört die in Ber­lin gar nicht. Könnte man doch legal wer­den las­sen, sagen se.

Na, hoch die Tas­sen. Irgend­wann sind wir soweit, da wer­den sie uns Büf­fel­suppe intra­ve­nie­ren. Aber lus­tig wird das nicht.

Verständnis

Nach­dem Sie sich ver­ab­schie­det hat, und sich der Boarding-Schlange zum Flie­ger ange­schlos­sen hat, stehe ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebür­tig von der Krim, hat spät noch die deut­sche Spra­che gelernt und spricht daher etwas rade­bre­chend Deutsch mit jid­di­schem Ein­schlag. Tags­über mar­schiert sie stun­den­lang durch Düs­sel­dorf, abends schal­tet sie die Flim­mer­kiste ein:

Chabe ich rus­si­sche Fern­se­hen abbe­stellt. Chabe ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Glei­che, immer jam­mern sie, immer nega­tiv. Rus­sen immer das­selbe. Schaue ich jetzt Car­men Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheisst? Sonn­tags, abends, Diri­gent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hände an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Gün­ter Jauch.

Ist nicht leicht zu ver­ste­hen. Nicht leicht. Redet mon­tags Palas­berg, auch schwer, kann ich nicht gut ver­ste­hen. Kom­met dann Maisch­berga, kann ich sehr gut ver­ste­hen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut ver­ste­hen. Sehr gutt. Beek­mann, schwer. Redet schnell, so schnell. Ver­stehe nicht gutt. Aber Anne Will ver­stehe ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deut­lich, stimme ich bei.

Nur ver­stehe ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deut­sche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Kauderwelsch

In jeder Fami­lie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merk­wür­dig ist. Der bei Kaf­fee und Kuchen stört, wo man doch gerade so ein­hel­lig bei­sam­men sitzt. Der pein­li­che Sachen vom Sta­pel lässt, wo aller immer so ver­schämt ins Off ver­su­chen zu gucken. Des­sen Thema man schleu­nigst über­la­bern möchte.

Bei den Nach­barn mei­ner Oma war das frü­her deren alter Opa. Der stand immer im Vor­gar­ten und hat von dort aus das Welt­ge­sche­hen kri­ti­siert, immer in der Hoff­nung, aber auch etwas weh­mü­tig, auf eine bes­sere Zeit: “Unter Adolf hätte es sowas nicht gege­ben.” Sowas wie junge Mäd­chen in Jeans, laut fuß­ball­tre­tende Knirbse, nicht­grü­ßende Spat­zier­gän­ger, knat­ternde Mofas, schrei­ende Schul­kin­der auf dem Weg zum Bus, Män­ner, die voll­be­packt ihren nichts­tra­gen­den Frauen hin­ter­her­lau­fen, Tür­ken. So ziem­lich alles, was an Mensch­li­chem die Straße rauf und run­ter kam.

Dabei war Adolf nur das Syn­onym für Kon­ser­va­ti­vi­tät. Das Sosein der Alten, das Unfle­xi­ble, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Ver­tei­di­gung der eige­nen Ent­wick­lung, unkri­ti­sier­bar ein­ge­lullt in den Gedan­ken, der Adolf hätte ledig­lich für all das gestan­den. Wenn’s reg­nete wurde der Opa rein­ge­holt, so wie man den Son­nen­schirm rein­holt. Er wurde aber auch rein­ge­holt, wenn er für zu viel Auf­se­hen unter den Nach­barn sorgte. Man möchte eben nicht zu sehr Dorf­tratsch­thema sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Sieg­fried Kau­der. Natür­lich darf ein jeder auch dort seine eigene Mei­nung haben. Inwie­weit er sie breit­tre­ten darf, wird aber schon noch kon­trol­liert. Kon­trol­liert, nicht gemobbt, das ist der CDU wich­tig. So eine Mei­nung kann ja durch­aus nütz­lich sein, schließ­lich gibt es diverse Mei­nun­gen in der CDU. Irgend­wen wird man da schon bedie­nen.

Nun muss der Siggi wohl im Vor­gar­ten gestan­den haben und junge Men­schen kamen vor­bei. Die hat­ten sowas gemacht, wie ihre Mofas fri­sie­ren. Und, oh, wie ist der Siggi da ener­gisch gewor­den. Welch Fre­fel­tat. Welch Unge­zo­gen­heit. Das muss ver­bo­ten wer­den, strengs­tens. Da muss man mit Härte ran­ge­hen. Damit die das mal ler­nen. Härte und Strenge, nicht die neu­mo­derne Tät­schel­ver­weich­li­chung. Das war schon frü­her gut so. Aus uns ist ja schließ­lich auch was gewor­den. Sowas brüllte der da im Vor­gar­ten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa rein­ge­holt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Ein­zel­mei­nung, die hat weder ne Mehr­heit in unse­rem Haus, noch wird das ernst­haft mit­ge­tra­gen, was der da im Vor­gar­ten so raus­po­saunt hat. Alles wie­der gut, wir sind noch zurech­nungs­fä­hig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst neh­men würde.

Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hätte frü­her unheim­lich gerne in etwas abge­half­ter­ten Bie­le­fel­der Knei­pen abge­han­gen. Irgend­wann wäre man dann dort bekannt, “das ist der Sacha da”, und, wenn man aus­hält, würde man auf Typen tref­fen, die einem die merk­wür­digs­ten Geschich­ten erzäh­len.
Sowas in der Art war das beim letz­ten Bie­le­fel­der Inter­net­ge­mein­de­treff, kurz Biblo­stati, der Fall: Nach­dem der erste Bulk an Leu­ten die Heim­reise ange­tre­ten hatte, und noch der harte Kern im düs­te­ren Hin­ter­stüb­chen übrig blieb, kam ein erschüt­ter­ter Womke vom stil­len Ört­chen zurück an den Stamm­tisch:

Also, das glaubste ja nicht. Da steht unser­eins pul­lernd am Pis­sior, lehnt sich einer in mei­nen Bereich rüber und meint: “Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, mor­gen Geburts­tag. Kommsse vor­bei, weiße schon mal bescheid. Bringste Wodka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann.” und lehnt sich wie­der weg.

Wir schüt­teln alle ver­wun­dert die Köpfe, machen noch­mal kurz aus volle Glä­ser leere Glä­ser, da geht ne gute Stunde spä­ter die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut’s? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach mor­gen ne Party, seid ihr alle dabei, Ernst-Wiemann-Straße, gegen­über vom Krankenhaus-Mitte, bringt ihr Wodka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahr­rad drau­ßen ste­hen, super Ange­bot, kos­tet auf­fer Liste 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahr­rad? Hab ich beim Poker gewon­nen, lag ein Tau­sen­der aufm Tisch. Spit­zen­teil, kos­tet eigent­lich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damen­fahr­rad zuhause, Kett­ler, könnt ihr angu­cken, kommt ihr mit, ich muss noch­mal nach vorne, bis dann.

Ist ja super, denke ich. Eine Stunde spä­ter und er hat immer noch den­sel­ben Geträn­ke­wunsch. Und wieso hat er nicht den Tau­sen­der genom­men, wenn er gewon­nen hat? Naja, wir lachen etwas, machen noch­mal kurz aus volle Glä­ser leere Glä­ser und ten­die­ren dann ab zur Theke. Am Ende der Theke höre ich schon Uwe, der eine halb­volle Becks­fla­sche schief hal­tend sei­nem Neben­mann hin­hält:

… is noch frisch. Ver­kauf ich dir für 1,50.

Ich beglei­che mei­nen Deckel und dann sehe ich, dass Uwe tat­säch­lich ein Fahr­rad neben sich in der Kneipe ste­hen hat und er haut sei­nen Neben­mann noch mal kurz an:

… kos­tet auf der Liste 500, für dich 250!

bis der aus der Kneipe flüch­tet. So schnell stei­gen die Fahr­rad­preise in der Tan­gente.

Grolloma

Ken­nen Sie noch diese uralte Allianz-Versicherung-Werbung mit dem Jun­gen, der dem Nach­bar­opa Kirsch­kerne in den Nacken schnippt? Aus heu­ti­ger Sicht ein mehr als merk­wür­di­ger Wer­be­spot: Der kleine Junge schnippt dem Opa halt aus dem Kirsch­baum beim Kirsch­ker­nes­sen Kirsch­kerne in den Nacken. Was für ein sozi­o­pa­thi­sches Kind. Der Opa droht dem Kind, wird aber dann vom Kinds­va­ter mit einem Eimer Kir­schen ent­schä­digt. Der Spot endet damit, dass das Kind aber­mals dem Opa einen Kirsch­kern in den Nacken schnippt, die­ser greift sich getrof­fen an den Hals, schaut böse, aber dann scheiß­freund­lich in den Nach­bar­gar­ten. Die Moral von der Geschicht’ soll wohl die Läu­te­rung des Gries­grams sein. Ich könnte mir aber auch vor­stel­len, dass der beschos­sene Opa einen Klein­gar­ten­krieg vom Sta­pel gelas­sen hat.

Naja, jeden­falls setz­ten wir uns letz­tens in der Fuß­gän­ger­zone in die Stra­ßen­bahn und saßen dort in drit­ter Reihe. Vor uns eine Afri­ka­ne­rin, die nach Hause tele­fo­niert hat. Davor zwei rüs­tige Rent­ne­rin­nen auf Kaf­fee­kränz­chen­tour. Hin­ter uns eine Tür­kin die mit ihrem Vater auf tür­kisch Fami­li­en­pro­bleme löste.
Und die Oma ganz vorne links fühlte sich nun von der tele­fo­nie­ren­den Afri­ka­ne­rin in ihrer Deutsch­heit ange­fein­det. Das merkte man dadurch, dass sie sich immer ziel­ge­rich­tet zu ihrer Hin­ter­bank umdrehte mit der Ver­ren­kung des Kirsch­kern getrof­fe­nen Opas und einer Grol­lo­ma­op­tik. Ein­mal, zwei­mal. Ohne Wir­kung. Auch ein unter­stüt­zen­des Nör­gel­stöh­nen hin­ter­ließ keine Wir­kung. Die Afri­ka­ne­rin tele­fo­nierte mun­ter wei­ter. Viel­leicht kann man Groll­ges­ti­ken nicht so ein­fach über­set­zen. Ent­we­der hat sie Oma igno­riert oder gar nicht wahr­ge­nom­men.
Ver­wun­der­lich, dass alte Leute immer noch ernst­haft glau­ben, mit Groll­ges­ti­ken in der Öffent­lich­keit andere Men­schen deckeln zu kön­nen. Aber unsere Grol­loma gab sich nicht ein­fach geschla­gen und grollte ver­bal an ihre Mit­rent­ne­rin gerich­tet wei­ter:

Also sowas. Sowas hätte es ja frü­her nicht gege­ben. Das greift jetzt immer mehr um sich. Über­all die­ses Aus­län­disch.

Aber das ist mir natür­lich auch schon auf­ge­fal­len, dass die­ses Aus­län­disch immer mehr um sich greift. Dicht gefolgt von die­sem ande­ren, das immer wei­ter um sich greift, die­ses Rent­ner.

Auf dem Rücksitz

Soviel lokale Ver­bun­den­heit lasse ich mal hier rein: Da heute Armi­nia Bie­le­feld end­gül­tig aus der 2. Fuß­ball­bun­des­liga abge­stie­gen ist und so in atem­be­rau­bend kur­zer Zeit von einem gut da ste­hen­den Erst­li­ga­club zu einem quasi bank­rot­ten Ama­teur­ver­ein gewor­den ist, hier mal ein klei­nes Schman­kerl aus dem letz­ten Jahr:

Ges­tern hab ich mal wie­der mei­nen Lieblings-Taxifahrer in Bie­le­feld erwischt. Eigent­lich hat er eine Finka auf Malle oder so und fährt nur noch spo­ra­disch in Bie­le­feld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dank­bar. Die paar Minu­ten, die man in sei­nem Taxi ver­bringt, füllt er immer mit inter­es­san­ten Geschich­ten.

Als ich ges­tern ein­stieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Display WDR 4 ange­zeigt wurde.

Nanu? sage ich, Armi­nia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Armi­nia. Da spielt über­haupt nur noch ein Bie­le­fel­der. Nur ein Bie­le­fel­der, was ist denn daran Armi­nia Bie­le­feld? Außer­dem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird über­haupt nichts mehr, die über­schät­zen sich ein­fach. Aber das war schon immer so. Schon frü­her. Da saßen se frü­her hin­ten auf der Rück­bank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Dau­men über seine Schul­ter nach hin­ten)

und haben ihre dre­cki­gen Geschäfte aus­ge­macht und gemeint, wir hier vorne ver­ste­hen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jetzt… 55 Jahre wäre ich inzwi­schen Mit­glied beim VfB, die heis­sen ja jetzt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht aus­ge­tre­ten wär. Ich hatte als kur­zer Ben­gel immer so einen Trick, wie ich umsonst da rein­kom­men konnte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekom­men habe. Und die den­ken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Pie­chac­zek

(Er spricht den Nach­na­men ab chac­zek aus wie einen Nie­ser.)

da hin­ten saß mit einer blon­den Dame. Jedes mal ne andere. Und ein­mal, da sagt der: Herr Taxi­fah­rer, kenn­tens des Radio amal anma­chen? Und dann kamen die Nach­rich­ten und da sag­ten sie, dass jetzt auch Egon Pie­chac­zek tie­fer in den Skan­dal ver­wi­ckelt wäre. Herste? sagte der dann zu der Blon­den, Herste? Die wol­len mir dis­kra­mi­nie­ren. ‘Dis­kra­mi­nie­ren’ hat er gesagt. Tief ver­wi­ckelt war der. Ein dre­cki­ges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich ver­ab­schie­den, da winkt er mich noch kurz heran:

Eines wollte ich Ihnen noch erzäh­len: Ein­mal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Sta­dion und das Spiel war so auf­re­gend, da hat der sich so auf­ge­regt, dass er einen Herz­kas­per bekom­men hat. Mit­ten im Sta­dion. Und hin­ter­her erfährste, dass das Spiel schon vor­her ent­schie­den war. Vor­her schon. Der hätte fast den nächs­ten Herz­kas­per bekom­men. Nee, nee. Wozu wol­len Sie heute noch einen Herz­kas­per bekom­men? Die haben den gan­zen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Taxi­fah­rer, da möchte man am liebs­ten gleich mit zurück fah­ren.

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Bild­quelle: http://www.flickr.com/photos/stephangeyer/ / CC BY-NC-ND 2.0

Hauptstadt basics

rp11smallIch finde ja, dass man in einem frem­den Land erst dann rich­tig ange­kom­men ist, wenn man von einem Ein­ge­bo­re­nen wegen irgend­ei­nes Ver­sto­ßes gegen die Sit­ten des Lan­des blöde ange­pampt wird.

In Ber­lin ging das bei mir ganz fix. Ich plane Rei­sen nie bis ins Detail durch. Es ist mir ers­tens zu viel blöde Pla­nungs­ar­beit und sich durch­zu­kämp­fen in frem­den Umge­bun­gen finde ich irgend­wie auch her­aus­for­dern­der. Also wußte ich nur in etwa, als ich nach Ber­lin fuhr, was ich wo fin­den würde. Ein TXL-Bus brächte mich quasi direkt vor meine Unter­kunft, von der ich mir auch nicht mal die Haus­num­mer gemerkt hatte. Da es in Ber­lin die unter­schied­lichs­ten Bezeich­nun­gen für Ver­kehrs­mit­tel gibt, wollte ich am Haupt­bahn­hof irgend­wie erst­mal raus­be­kom­men, was denn TXL-Busse so sind, neben Stra­ßen­bah­nen, S-Bahnen, Trams, nor­ma­len Bus­sen und so.

Also rannte ich mich nichts, dich nichts zum Schal­ter der Deut­sche Bahn und fragte:

Ich muss einen TXL-Bus neh­men. Kön­nen Sie mir sagen, was das ist?

Im Hand­um­dre­hen bekam ich gleich vor Ort meine Berlin-Taufe:

Watt dett is? Ditt is de Bus, der nach Tegel fährt. Dett is ditt.

Fand ich groß­ar­tig: Diese nicht unschlüs­sige Auf­fas­sung, ich hätte nach einer Defi­ni­tion gefragt, ver­bun­den mit der leich­ten Ange­piss­heit, außer­halb einer Lehr­an­stalt nach Defi­ni­tio­nen gefragt zu wer­den. Und das alles im brei­tes­ten Ber­li­ne­risch, das die Deut­sche Bahn zulässt. Sehr schön.

Für eine wei­tere Irri­ta­tion sorgte ich dann abends. Wir hat­ten eine recht nette Loka­li­tät an der Osloer ent­deckt und nach zwei Hal­ben meinte ich zur Wir­tin das Ende ein­läu­tend:

Och, ein klei­nes Bier trinke ich wohl noch.

Da schaute mich die Wir­tin leicht kopf­schüt­telnd irri­tiert an:

Null vier oder watt?!

GEBONGT!

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