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Hoeneß

Da treffe ich den Uli an der Wurstbraterei, wie er sein Würstchen gerade in den Senf auf der Pappschale tunkt. Bestimmt wie immer, mäßig Anteil nehmend an seiner Umgebung. Und irgendwie bleibt man doch nicht schweigend daneben stehen.

“Alles gut?”

- “Was soll schon sein? Läuft alles.”

“Naja, die Presse und die Staatsanwaltschaft sitzt dir doch im Nacken. Angenehm ist das doch sicherlich nicht.”

- “Ach, sowas bin ich doch gewohnt. Ich habe mich immer darauf verlassen, selbst zu kämpfen. Immer. Sowas schockiert mich nicht sonderlich. Und wenn man dann so grandios gegen den wichtigsten Fussballverein der Welt gewinnt, dann bestätigt einen das doch. Da denkt man doch nicht an irgendwelche Hinterzimmeradvokaten.”

“Aber genau die können dir doch ans Bein pinkeln.”

- “Das ist auch nichts Neues. Wenn sie so lange einem Verein vorstehen, da müssen sie wissen, wie sie mit Leuten umgehen, die an ihrem Stuhl sägen. Das ist weniger Eitelkeit, als vielmehr Selbstbehauptung und der Erfolg zeigt, dass das im Sinne der Sache war.”

“Und wo bleibt die Rückendeckung, außer von Franz und Kalle?”

- “Da draußen wird kein Fußball gespielt, der ist nur aufm Rasen. Da gibt es keine Manndeckung, da wird nicht abgepfiffen, wenn jemand dich foult. Da musst du vorsorgen. Schau, die Spanier waren ja vorbildich, was ihre Netzwerkarbeit anging. Nur war die viel zu stark vom Finanziellen abhängig. Bei uns wirken zudem andere Kräfte. Wir sind nicht so finanzstark, dafür kippen wir nicht um, wenn eine Säule instabil ist. Und bei mir funktioniert das ähnlich.”

“Das heißt, dein Einfluss wird nicht weniger, selbst wenn du fallen solltest?”

- “Das werden wir ja noch sehen.”,

sagte Ulli, biss noch einmal von seiner gesenften Bratwurst ab, schiefte ordentlich in sein Stofftaschentusch, warf die gebrauchte Pappschale in den übervollen Müllkorb, nickte mir bestimmt zu und schlurfte zu seinem Audi rüber, den er mit seiner Schlüsselfernbedienung aufblinken ließ.

Lauter Loser

Neulich traf ich Gott in meiner Stammkneipe und zwischen Bier und Korn kamen wir ins Gespräch.

“Sag mal, was ist denn da oben eigentlich los? Ein sparsüchtiger Argentinier wird Papst, durch die Wirtschaft verlottert die Moral und das Wetter passt doch auch vorne und hinten nicht.”

- “Ach, hör bloß auf!”

“Na, sag doch!”

- “Das war damals wunderbar geplant: Die Moral wird an die Kirche outgesourced und wir können uns da oben einen schönen Lenz machen, uns mehr um das Große und Ganze kümmern, du verstehst?”

“Das Große und Ganze?”

– “Ich wollte eine zweite Welt erschaffen, mit weniger Bugs. So mit stärkerem Prozessor, aber dieses Mal intern, nicht extern, verstehste, geilerer Grafik sowieso, aktuellere Netzwerktechnik, bessere Kondensatoren, sowas halt – und irgendwo energiesparender.”

“Woran haperte es denn?”

– “Ja, konnte unsereins denn ahnen, dass man wegen dem Altteil da immer um Support gebeten werden? Dauernd zankt sich wer, dauernd verzweifelt wer, dauernd wundert sich einer, dass er das Teil wirklich kaputt machen kann, wenn er nur will. Und um die Weiterentwicklung kümmert sich keiner so recht, nur um Unterhaltung.”

“Aber die Religionen versuchen ja immerhin, den Laden zusammen zu halten.”

- “Ja, genau! Was die Religionen sich da zusammenspinnen, das hälst du doch im Kopf nicht aus. Das soll angeblich alles auch noch gesagt und befohlen haben. Na, schönen Dank auch. Als hätte ich nichts besseres zu tun als tausendseitige Betriebsanleitungen rauszugeben. Und da soll ich mich auch noch ums Wetter kümmern. Ja, bin ich denn der Hausmeister, oder was? Ich habe sowas komplexes wie die Erdanziehungskraft ertüftelt, aber auf die Idee, einen Hausmeister einzustellen, bin ich nicht gekommen, oder was? Ich hab’ einfach keine Lust mehr. Macht euern Kram doch alleine.”

Betrübt schaute ich auf die trocknenden Bierschaumspuren am oberen Rand meines Glases bis mich der Gläser putzende Barkeeper antippte: “Lass ihn einfach, heute ist nur einer dieser Tage.”

Großstadt

A large city cannot be experientially known;
its life is too manifold for any individual
to be able to participate in it.

Aldous Huxley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Ausgabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Freundin und ihre Freundin kommen erst in einer halben Stunde, also starte ich ein Stadtmelancholieren, dieses Mal in einer Großstadt oder zumindest einer, die sich dafür hält: Düsseldorf. Und was einem schnell auffällt: 18 Uhr ist eine schlimmsten Uhrzeiten in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrradfahrer, die wenigen Passanten gehen nicht, sondern hasten über die Baustellenampeln der Fußgängerzone und dauernd patschen ohrbestöpselte Menschen auf ihre hell erleuchteten Computertelefone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Selbst die Kniebettler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlendere in einen Arkadenbau hinein. Auch hier: Gähnende Leere. Keine chinesische Geisterstadteinkaufspassage, aber eine gänzlich uninspirierende. Ich lehne mich an ein Geländer, da fängt unter mir Klaviermusik an. Eine Barhockersängerin intoniert Night & Day. Etwas merkwürdig, denn im Keller des Arkadenbaus ist nie zu erkennen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Verweilen lädt mich nichts ein. Ich erinnere mich an eine Passage aus Erich Kästners Fabian, in der Fabian festhält, dass Kaufhäuser unheimlich gut geeignete Orte für Streuner sind, die eh nichts kaufen, sondern sich nur aufwärmen wollen, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buchhandelskette betrete. Hier wird mit Büchern noch Handel betrieben, ins Auge springen nur Bestseller. Gute Bücher sucht man fast vergeblich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klamottengeschäften passiert, in Bücheräden noch von Verkäufern angesprochen wurde, um bei der Literatursuche behilflich zu sein. Als ich zwei lauthals tratschende Kolleginnen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden, danke ich innerlich dafür, dass mir heute Literaturtipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgängerzone, ab zum Schauspielhaus. Ich registriere, dass kaum ein Geschäft irgendetwas hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woanders, wer holt sich diese Sachen? In der Parfümeriefiliale entdecke ich einen dieser flachbrüstigen Flakonbodyguards, der nie lächelt und seinen Blick so mechanisch schwenkt, als sei er schon ein Halbroboter, der das mit der menschlichen Kommunikation noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich einmal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erreiche nun über bepfütztes Baustellengebiet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Betonplatten markieren die Trostlosigkeit auf dem Vorhofs des Schauspielhauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leerstehende, hyhnenhafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und entdecke im zweitobersten Stockwerk des dortigen, noch bezogenen Bürogebäudes ein vorm Computer sitzendes Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schauspielhaus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schauspielhauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir entgegen, dem einzigen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Freundin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Niederländerin aus Amsterdam, die in Düsseldorf gestrandet ist. Gestrandet ist vielleicht ein zu ästhetisches Wort. Denn Düsseldorf ist nicht schön, sagt sie. Amsterdam ist schön. Aber Düsseldorf? Nein, keine Frage, Düsseldorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hinunter in Richtung Kaiserswerth. Schön da, aber irgendwie nicht Düsseldorf. Düsseldorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schönheit der Stadt identifizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düsseldorf.

Beim Hinausgehen merkt die Freundin meiner Freundin an, dass sie es nie verstanden hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzendfach in Hamburg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innenstadt. Das sei aber ganz normal in der Woche nach der Karnevalszeit, sagt meine Freundin. Die Leute gingen einfach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depression über die Einkaufspassagen und Cafés. Ach so.

Hubert Nörgelmöller: Computerhorchen

Ach, du liebes Bisschen! Ja, früher, da war das romantisch und so. Das war ja auch alles nur in Fernsehen. Da ritten die Amerikaner auf ihre gestriegelten Pferdchen durchs wilde Wasweissichnichstan und eroberten die Prärie. Das waren die Guten. Die Bösen waren die Eingeborenen. Die lagen Tag ein, Tag aus auf der Lauer um rumzuschießen und Leute zu überfallen. Humor hatte von denen keiner, da kannten die nix. Hab noch nie einen von denen mal lachen sehn. Nur überfallen und Büffelsuppe aufkochen.

Als dann die Eisenbahnen erfunden wurden, da lagen sie dann anne Schienen zu horchen. Da machten die Loks wohl sonnen Krach, dass sich das über die Schienen angekündigt hat. Das war quasi, wollmasagen, der Vorläufer vom Telefon. Nur halt noch Mono. Und wenn die Lok dann da war, wurde überfallen und abends auf den Erfolg wieder ordentlich Büffelsuppe getrunken. Und immer so weiter.

Ja, und nun hat da wohl einer zu lange in Berlin die alten Winnetou-Folgen sich reingepfiffen getan. Jetzt wollen die das hier einführen. So nen Bundesindianer. Der liegt dann anne Geräte und horcht ab, was da so abgeht. Nur weil der diese Telefonierabhörtechnik vor Jahrhunderten schon im Blut hatte. Die hamse dann über die Büffelsuppe weitervererbt. So wird das wohl gewesen sein. Dass das doch eigentlich kriminell ist, das stört die in Berlin gar nicht. Könnte man doch legal werden lassen, sagen se.

Na, hoch die Tassen. Irgendwann sind wir soweit, da werden sie uns Büffelsuppe intravenieren. Aber lustig wird das nicht.

Verständnis

Nachdem Sie sich verabschiedet hat, und sich der Boarding-Schlange zum Flieger angeschlossen hat, stehe ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düsseldorfer Flughafens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebürtig von der Krim, hat spät noch die deutsche Sprache gelernt und spricht daher etwas radebrechend Deutsch mit jiddischem Einschlag. Tagsüber marschiert sie stundenlang durch Düsseldorf, abends schaltet sie die Flimmerkiste ein:

Chabe ich russische Fernsehen abbestellt. Chabe ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Gleiche, immer jammern sie, immer negativ. Russen immer dasselbe. Schaue ich jetzt Carmen Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheisst? Sonntags, abends, Dirigent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hände an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Günter Jauch.

Ist nicht leicht zu verstehen. Nicht leicht. Redet montags Palasberg, auch schwer, kann ich nicht gut verstehen. Kommet dann Maischberga, kann ich sehr gut verstehen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut verstehen. Sehr gutt. Beekmann, schwer. Redet schnell, so schnell. Verstehe nicht gutt. Aber Anne Will verstehe ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deutlich, stimme ich bei.

Nur verstehe ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deutsche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Kauderwelsch

In jeder Familie gibt es doch so den einen Onkel, der etwas merkwürdig ist. Der bei Kaffee und Kuchen stört, wo man doch gerade so einhellig beisammen sitzt. Der peinliche Sachen vom Stapel lässt, wo aller immer so verschämt ins Off versuchen zu gucken. Dessen Thema man schleunigst überlabern möchte.

Bei den Nachbarn meiner Oma war das früher deren alter Opa. Der stand immer im Vorgarten und hat von dort aus das Weltgeschehen kritisiert, immer in der Hoffnung, aber auch etwas wehmütig, auf eine bessere Zeit: “Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben.” Sowas wie junge Mädchen in Jeans, laut fußballtretende Knirbse, nichtgrüßende Spatziergänger, knatternde Mofas, schreiende Schulkinder auf dem Weg zum Bus, Männer, die vollbepackt ihren nichtstragenden Frauen hinterherlaufen, Türken. So ziemlich alles, was an Menschlichem die Straße rauf und runter kam.

Dabei war Adolf nur das Synonym für Konservativität. Das Sosein der Alten, das Unflexible, das Sich-nicht-mehr-ändern-wollen, die Verteidigung der eigenen Entwicklung, unkritisierbar eingelullt in den Gedanken, der Adolf hätte lediglich für all das gestanden. Wenn’s regnete wurde der Opa reingeholt, so wie man den Sonnenschirm reinholt. Er wurde aber auch reingeholt, wenn er für zu viel Aufsehen unter den Nachbarn sorgte. Man möchte eben nicht zu sehr Dorftratschthema sein.

Bei der CDU ist so ein alter Opa der Siegfried Kauder. Natürlich darf ein jeder auch dort seine eigene Meinung haben. Inwieweit er sie breittreten darf, wird aber schon noch kontrolliert. Kontrolliert, nicht gemobbt, das ist der CDU wichtig. So eine Meinung kann ja durchaus nützlich sein, schließlich gibt es diverse Meinungen in der CDU. Irgendwen wird man da schon bedienen.

Nun muss der Siggi wohl im Vorgarten gestanden haben und junge Menschen kamen vorbei. Die hatten sowas gemacht, wie ihre Mofas frisieren. Und, oh, wie ist der Siggi da energisch geworden. Welch Frefeltat. Welch Ungezogenheit. Das muss verboten werden, strengstens. Da muss man mit Härte rangehen. Damit die das mal lernen. Härte und Strenge, nicht die neumoderne Tätschelverweichlichung. Das war schon früher gut so. Aus uns ist ja schließlich auch was geworden. Sowas brüllte der da im Vorgarten.

Da kamen dann ganz fix die Doro raus und der Peter und haben den Opa reingeholt: Nee, nee, das ist jetzt nur ne Einzelmeinung, die hat weder ne Mehrheit in unserem Haus, noch wird das ersthaft mitgetragen, was der da im Vorgarten so rausposaunt hat. Alles wieder gut, wir sind noch zurechnungsfähig.

Wo käme man da auch hin, wenn man jeden in der CDU ernst nehmen würde.

Uwe

Sacha Brohm hat mir mal erzählt, er hätte früher unheimlich gerne in etwas abgehalfterten Bielefelder Kneipen abgehangen. Irgendwann wäre man dann dort bekannt, “das ist der Sacha da”, und, wenn man aushält, würde man auf Typen treffen, die einem die merkwürdigsten Geschichten erzählen.
Sowas in der Art war das beim letzten Bielefelder Internetgemeindetreff, kurz Biblostati, der Fall: Nachdem der erste Bulk an Leuten die Heimreise angetreten hatte, und noch der harte Kern im düsteren Hinterstübchen übrig blieb, kam ein erschütterter Womke vom stillen Örtchen zurück an den Stammtisch:

Also, das glaubste ja nicht. Da steht unsereins pullernd am Pissior, lehnt sich einer in meinen Bereich rüber und meint: “Ey, ich bin der Uwe. Ich hab, morgen Geburtstag. Kommsse vorbei, weiße schon mal bescheid. Bringste Wodka und 2 Cola mit, dann geht das klar. Also tschö dann.” und lehnt sich wieder weg.

Wir schütteln alle verwundert die Köpfe, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser, da geht ne gute Stunde später die Tür auf: Uwe!

Hey, Jungs! Na, wie schaut’s? Ich bin Uwe. Nur mit das klar ist. Ich mach morgen ne Party, seid ihr alle dabei, Ernst-Wiemann-Straße, gegenüber vom Krankenhaus-Mitte, bringt ihr Wodka mit und 2 Cola, ich hab da auch noch ein Fahrrad draußen stehen, super Angebot, kostet auffer Liste 500, ihr kriegt das für 150, braucht noch jemand ein Fahrrad? Hab ich beim Poker gewonnen, lag ein Tausender aufm Tisch. Spitzenteil, kostet eigentlich 500, ihr kriegt das für 150, ich hab auch noch ein Damenfahrrad zuhause, Kettler, könnt ihr angucken, kommt ihr mit, ich muss nochmal nach vorne, bis dann.

Ist ja super, denke ich. Eine Stunde später und er hat immer noch denselben Getränkewunsch. Und wieso hat er nicht den Tausender genommen, wenn er gewonnen hat? Naja, wir lachen etwas, machen nochmal kurz aus volle Gläser leere Gläser und tendieren dann ab zur Theke. Am Ende der Theke höre ich schon Uwe, der eine halbvolle Becksflasche schief haltend seinem Nebenmann hinhält:

… is noch frisch. Verkauf ich dir für 1,50.

Ich begleiche meinen Deckel und dann sehe ich, dass Uwe tatsächlich ein Fahrrad neben sich in der Kneipe stehen hat und er haut seinen Nebenmann noch mal kurz an:

… kostet auf der Liste 500, für dich 250!

bis der aus der Kneipe flüchtet. So schnell steigen die Fahrradpreise in der Tangente.

Grolloma

Kennen Sie noch diese uralte Allianz-Versicherung-Werbung mit dem Jungen, der dem Nachbaropa Kirschkerne in den Nacken schnippt? Aus heutiger Sicht ein mehr als merkwürdiger Werbespot: Der kleine Junge schnippt dem Opa halt aus dem Kirschbaum beim Kirschkernessen Kirschkerne in den Nacken. Was für ein soziopathisches Kind. Der Opa droht dem Kind, wird aber dann vom Kindsvater mit einem Eimer Kirschen entschädigt. Der Spot endet damit, dass das Kind abermals dem Opa einen Kirschkern in den Nacken schnippt, dieser greift sich getroffen an den Hals, schaut böse, aber dann scheißfreundlich in den Nachbargarten. Die Moral von der Geschicht’ soll wohl die Läuterung des Griesgrams sein. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass der beschossene Opa einen Kleingartenkrieg vom Stapel gelassen hat.

Naja, jedenfalls setzten wir uns letztens in der Fußgängerzone in die Straßenbahn und saßen dort in dritter Reihe. Vor uns eine Afrikanerin, die nach Hause telefoniert hat. Davor zwei rüstige Rentnerinnen auf Kaffeekränzchentour. Hinter uns eine Türkin die mit ihrem Vater auf türkisch Familienprobleme löste.
Und die Oma ganz vorne links fühlte sich nun von der telefonierenden Afrikanerin in ihrer Deutschheit angefeindet. Das merkte man dadurch, dass sie sich immer zielgerichtet zu ihrer Hinterbank umdrehte mit der Verrenkung des Kirschkern getroffenen Opas und einer Grollomaoptik. Einmal, zweimal. Ohne Wirkung. Auch ein unterstützendes Nörgelstöhnen hinterließ keine Wirkung. Die Afrikanerin telefonierte munter weiter. Vielleicht kann man Grollgestiken nicht so einfach übersetzen. Entweder hat sie Oma ignoriert oder gar nicht wahrgenommen.
Verwunderlich, dass alte Leute immer noch ernsthaft glauben, mit Grollgestiken in der Öffentlichkeit andere Menschen deckeln zu können. Aber unsere Grolloma gab sich nicht einfach geschlagen und grollte verbal an ihre Mitrentnerin gerichtet weiter:

Also sowas. Sowas hätte es ja früher nicht gegeben. Das greift jetzt immer mehr um sich. Überall dieses Ausländisch.

Aber das ist mir natürlich auch schon aufgefallen, dass dieses Ausländisch immer mehr um sich greift. Dicht gefolgt von diesem anderen, das immer weiter um sich greift, dieses Rentner.

Auf dem Rücksitz

Soviel lokale Verbundenheit lasse ich mal hier rein: Da heute Arminia Bielefeld endgültig aus der 2. Fußballbundesliga abgestiegen ist und so in atemberaubend kurzer Zeit von einem gut da stehenden Erstligaclub zu einem quasi bankrotten Amateurverein geworden ist, hier mal ein kleines Schmankerl aus dem letzten Jahr:

Gestern hab ich mal wieder meinen Lieblings-Taxifahrer in Bielefeld erwischt. Eigentlich hat er eine Finka auf Malle oder so und fährt nur noch sporadisch in Bielefeld Taxi, so für Spass. Aber dafür bin ich dankbar. Die paar Minuten, die man in seinem Taxi verbringt, füllt er immer mit interessanten Geschichten.

Als ich gestern einstieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Display WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt überhaupt nur noch ein Bielefelder. Nur ein Bielefelder, was ist denn daran Arminia Bielefeld? Außerdem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird überhaupt nichts mehr, die überschätzen sich einfach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hinten auf der Rückbank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten)

und haben ihre dreckigen Geschäfte ausgemacht und gemeint, wir hier vorne verstehen das nicht. Das haben die gedacht.

Aber ich kenne das ja. Ich wär jetzt… 55 Jahre wäre ich inzwischen Mitglied beim VfB, die heissen ja jetzt Fichte. 55 Jahre, wenn ich nicht ausgetreten wär. Ich hatte als kurzer Bengel immer so einen Trick, wie ich umsonst da reinkommen konnte. Bis die das gemerkt haben und ich einen auf die Mütze bekommen habe. Und die denken, wir haben keine Ahnung.

Ich weiss noch, wie der Egon Piechaczek

(Er spricht den Nachnamen ab chaczek aus wie einen Nieser.)

da hinten saß mit einer blonden Dame. Jedes mal ne andere. Und einmal, da sagt der: Herr Taxifahrer, kenntens des Radio amal anmachen? Und dann kamen die Nachrichten und da sagten sie, dass jetzt auch Egon Piechaczek tiefer in den Skandal verwickelt wäre. Herste? sagte der dann zu der Blonden, Herste? Die wollen mir diskraminieren. ‘Diskraminieren’ hat er gesagt. Tief verwickelt war der. Ein dreckiges Geschäft ist das, ich sage es ihnen.

Wir sind da, ich mache die Tür auf und will mich verabschieden, da winkt er mich noch kurz heran:

Eines wollte ich Ihnen noch erzählen: Einmal da war ich neben dem Arzt Schwanke im Stadion und das Spiel war so aufregend, da hat der sich so aufgeregt, dass er einen Herzkasper bekommen hat. Mitten im Stadion. Und hinterher erfährste, dass das Spiel schon vorher entschieden war. Vorher schon. Der hätte fast den nächsten Herzkasper bekommen. Nee, nee. Wozu wollen Sie heute noch einen Herzkasper bekommen? Die haben den ganzen Sport kaputt gemacht.

Tja, was soll ich sagen, es gibt so Taxifahrer, da möchte man am liebsten gleich mit zurück fahren.

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Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/stephangeyer/ / CC BY-NC-ND 2.0

Hauptstadt basics

rp11smallIch finde ja, dass man in einem fremden Land erst dann richtig angekommen ist, wenn man von einem Eingeborenen wegen irgendeines Verstoßes gegen die Sitten des Landes blöde angepampt wird.

In Berlin ging das bei mir ganz fix. Ich plane Reisen nie bis ins Detail durch. Es ist mir erstens zu viel blöde Planungsarbeit und sich durchzukämpfen in fremden Umgebungen finde ich irgendwie auch herausfordernder. Also wußte ich nur in etwa, als ich nach Berlin fuhr, was ich wo finden würde. Ein TXL-Bus brächte mich quasi direkt vor meine Unterkunft, von der ich mir auch nicht mal die Hausnummer gemerkt hatte. Da es in Berlin die unterschiedlichsten Bezeichnungen für Verkehrsmittel gibt, wollte ich am Hauptbahnhof irgendwie erstmal rausbekommen, was denn TXL-Busse so sind, neben Straßenbahnen, S-Bahnen, Trams, normalen Bussen und so.

Also rannte ich mich nichts, dich nichts zum Schalter der Deutsche Bahn und fragte:

Ich muss einen TXL-Bus nehmen. Können Sie mir sagen, was das ist?

Im Handumdrehen bekam ich gleich vor Ort meine Berlin-Taufe:

Watt dett is? Ditt is de Bus, der nach Tegel fährt. Dett is ditt.

Fand ich großartig: Diese nicht unschlüssige Auffassung, ich hätte nach einer Definition gefragt, verbunden mit der leichten Angepissheit, außerhalb einer Lehranstalt nach Definitionen gefragt zu werden. Und das alles im breitesten Berlinerisch, das die Deutsche Bahn zulässt. Sehr schön.

Für eine weitere Irritation sorgte ich dann abends. Wir hatten eine recht nette Lokalität an der Osloer entdeckt und nach zwei Halben meinte ich zur Wirtin das Ende einläutend:

Och, ein kleines Bier trinke ich wohl noch.

Da schaute mich die Wirtin leicht kopfschüttelnd irritiert an:

Null vier oder watt?!

GEBONGT!

April 2014
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