Linktipp: sofaschmöker.de.

Was nicht passt

Sams­tag, 11.03 Uhr, Klin­ge­lin­ge­ling.

Ich: „Guten Tag. Haben Sie Schrau­ben?”

Laden­che­fin „Was wären wir wohl für ein Elek­tro­la­den, wenn wir keine Schrau­ben hät­ten?”

Ich „Dann bräuchte ich mal vier Ach­ter und pas­sende Dübel.”

Laden­che­fin „Bitte, hier. Sonst noch was? Nein? Dann schö­nen Tag noch.”

Ich „Na, ich weiß nicht, ob das mein letz­ter Besuch heute war.”

Laden­che­fin „Wir haben noch bis 14 Uhr auf. Bis dann.”

11.40 Uhr
, Klin­ge­lin­ge­ling.

Laden­che­fin „Ach, Sie schon wie­der.”

Ich „Ich bräuchte noch mal vier Neue von denen da:”

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Laden­che­fin „Meine Güte, wat hamse denn damit gemacht?!”

Ich „Öhhh…

Juni­or­chef „Gebohrt, rein­ge­stopft und mit dem Ham­mer hin­ter­her­ge­hauen, dass der wohl doch noch rein­geht.”

Ich „Ja, sicher.”

Laden­che­fin ver­dreht die Augen.

Juni­or­chef „Ist ja nicht so, dass ich das noch nie gebohrt hätte.”

Vertrauen

kannitverstanIn zwei unter­schied­li­chen Blogs war gerade die Rede von Ver­trauen: Bei Had­mut Danisch und Felix Schwen­zel. Zwei sehr unter­schied­li­chen Blogs. Hart­mut Danish nahm die Feder auf, dass selbst unter Kri­mi­nel­len Ver­trauen herr­schen müsse, damit Sys­teme wie das der Mafia funk­tio­niere. Felix Schwen­zel schreibt dar­über, dass Ver­trauen gegen­über Fir­men dar­über ent­scheide, wie groß der Zuspruch ihrer Kun­den sei. Was bedeu­tet nun eigent­lich Ver­trauen?

Ver­trauen ist die zwi­schen­mensch­li­che, nicht­ver­trag­li­che Annahme, mein Gegen­über bekenne sich einer mora­li­schen Ver­ant­wor­tung´, sei daher mir gegen­über auf­rich­tig und wolle mir durch das, was er tut, nicht scha­den. Inso­fern ist Miss­trauen sicher­lich das Gegen­stück zu Ver­trauen, aber Ver­trauen ist mehr als die Abwe­sen­heit von Miss­trauen, was auch ledig­lich Unbe­küm­mert­heit sein kann: Man hegt kei­nen Arg­wohn.

Im eigent­li­chen Kon­text bezieht sich Ver­traue auf ein sozia­les Ver­hält­nis zwi­schen mora­li­schen Per­so­nen. Es rich­tet sich nicht auf juris­ti­sche Per­so­nen.

Der Feh­ler, der im Mafia-Beispiel began­gen wird, das Danisch auf­greift, ist, dass Ver­trauen ledig­lich als funk­tio­nie­ren­des Netz­werk ange­se­hen wird. Die Mafia ist oft­mals ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk, beruht aber grund­le­gend auf Miss­trauen, Angst und Geld­gier. Sofern ein Teil des Netz­wer­kes die Spiel­re­geln die­ses Netz­werks kennt, weiß er, dass er nie­man­dem inner­halb des Netz­wer­kes, außer even­tu­ell sei­ner gene­ti­schen Fami­lie, d.i. Per­so­nen, die in einem grunf­sätz­li­chem sozia­len Ver­hält­nis ihm gegen­über ste­hen, ver­trauen sollte. Zwar kann er davon aus­ge­hen, dass es bestimmte Funk­ti­ons­wei­sen inner­halb die­ses Netz­wer­kes gibt, mit ande­ren Wor­ten: Er kann dar­auf ver­trauen, dass bestimmte Hand­lungs­wei­sen von stat­ten gehen, aller­dings ist diese Rede von Ver­trauen nur eine über­tra­gene. Kurzum: Im Kern heitß Ver­trauen inner­halb des Mafia-Beispiels: Die Mafia ist ein funk­tio­nie­ren­des Netz­werk, weil das Netz­werk funk­tio­niert. Rede ich davon, dass selbst die Mafia Ver­trauen brau­che, ver­mi­sche ich zwei Rede­wei­sen von Ver­trauen: Die ursprüng­lich mora­li­sche und die über­tra­ge­nen, bloß tech­ni­sche.

Und wenn Felix Schwen­zel “das ange­sichts der unfass­bar­keit all die­ser hin­ter­fot­zig­keit und unauf­rich­tig­keit” von Fir­men sein Pop­corn im Halse steckt, sollte ebenso berück­sich­tigt wer­den, dass es schon ein Feh­ler war, bei Fir­men in mora­li­schem Sinne von Ver­trauen aus­zu­ge­hen. Wie beim Mafia-Beispiel kann man nur davon aus­ge­hen, dass ein Netz­werk funk­tio­niert, wobei die­ses in Rede ste­hende Netz­werk Nut­zer offen­bar als mora­li­sche Per­so­nen aner­ken­nen sollte und nicht ledig­lich als tech­ni­sche Bau­steine. Aus blo­ßer Sicht der Spiel­theo­rie völ­lig unver­ständ­lich.

[ Foto: Rachel Pasch - What part of... | CC BY-NC 2.0 ]

Wie man aus Kant einen Antisemiten macht

zeigt der Reli­gi­ons­stu­dent Mar­kus Voss-Göschel und bekommt dafür den Franz-Delitzsch-Förderpreis für christlich-jüdische Ver­stän­di­gung. Dabei ist die Grund­lage sei­ner Behaup­tun­gen mehr als dürf­tig.

Zum einen ver­weist er auf das Zitat “Jetzo sind sie die Vam­pyre der Gesell­schaft”, das aller­dings nicht in Kants Schrif­ten auf­taucht, soweit ich weiß, son­dern bei J.F.A. Abbeg, der es Kant zuschreibt. Streng genom­men ist es nur Hören­sa­gen und ent­zieht sich so einer ernst­haf­ten wis­sen­schaft­li­chen Erör­te­rung. Für Voss-Göschel ist dies in öffent­li­chen Äuße­run­gen der erste Beleg für Kants Anti­se­mi­tis­mus: Getrat­sche.

Der zweite Beleg ist ein Lese­feh­ler Voss-Göschels

“Kant bezeich­net die Juden als ‘Vam­pyre der Gesell­schaft’ und for­dert ‘die Eutha­na­sie des Juden­tums’!”, nennt Mar­kus Voss-Göschel zwei Bei­spiele für die zum Teil extre­men anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen in Kants Schrif­ten.

Kant for­dert nichts der­glei­chen. Aller­ding meint er, ein Über­gang zur “rei­nen mora­li­schen Reli­gion” aus dem Jugend­tum her­aus, sei die Eutha­na­sie, d.i. der sanfte Tod, des Jugend­tums:

Die Eutha­na­sie des Juden­th­ums ist die reine mora­li­sche Reli­gion mit Ver­las­sung aller alten Sat­zungs­leh­ren, deren einige doch im Chris­ten­thum (als mes­sia­ni­schen Glau­ben) noch zurück behal­ten blei­ben müs­sen: wel­cher Sec­ten­un­ter­schied end­lich doch auch ver­schwin­den muß und so das, was man als den Beschluß des gro­ßen Drama des Reli­gi­ons­wech­sels auf Erden nennt, (die Wie­der­brin­gung aller Dinge) wenigs­tens im Geiste her­bei­führt, da nur ein Hirt und eine Heerde Statt fin­det.

Voss-Göschel bringt Anti­si­mi­tis­mus in die­sen Kon­text, nicht Kant. Es wird halt das gefun­den, was man fin­den will. Wenn diese Erör­te­run­gen stell­ver­tre­tend sind für die Wis­sen­schaft­lich­keit der Erör­te­rung, dann bleibt da nicht viel. Aber hören wir dem Nach­wuchs wei­ter zu:

Über Kant gibt es so viele Abhand­lun­gen, doch bis­her gab es keine kla­ren Ant­wor­ten dar­auf, wie genau er Reli­gion defi­niert

sagt Voss-Göschel.

Das bezweifle ich, und viel­leicht hätte er da lie­ber Kant selbst gele­sen als Abhand­lun­gen, denn bei Kant fin­det sich z.B. diese Defi­ni­tion:

Reli­gion ist (sub­jec­tiv betrach­tet) das Erkennt­niß aller unse­rer Pflich­ten als gött­li­cher Gebote *)[Fuß­note aus­ge­las­sen]. Die­je­nige, in wel­cher ich vor­her wis­sen muß, daß etwas ein gött­li­ches Gebot sei, um es als meine Pflicht anzu­er­ken­nen, ist die geof­fen­barte (oder einer Offen­ba­rung benö­thigte) Reli­gion: dage­gen die­je­nige, in der ich zuvor wis­sen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein gött­li­ches Gebot aner­ken­nen kann, ist die natür­li­che Reli­gion.

Und weil Voss-Göschel wohl Kants Reli­gi­ons­be­griff nicht geläu­fig ist, ver­steigt er sich laut israelogie.de zu die­ser Äuße­rung

Für Kant ist das Juden­tum ein absur­des und sinn­lo­ses Geset­zes­werk ohne mora­li­schen Bezug und daher eigent­lich keine Reli­gion

und fol­gen­der gänz­lich aus den Fin­gern gezo­ge­nen Behaup­tung

Er [Kant] habe sich nicht die Mühe gemacht, seine jüdi­schen Freunde zu fra­gen, worum es im Juden­tum geht, son­dern auf ekla­tan­ten Falsch­in­for­ma­tio­nen auf­ge­baut.

Eine Behaup­tung ohne Beleg, ein­fach mal so raus­spe­ku­liert. Die Aus­sage, Kant hat heim­lich bis ins hohe Alter am Dau­men genu­ckelt, besitzt in etwa den­sel­ben Wahr­heits­wert. Ernst­hafte Wis­sen­schaft ist etwas ganz ande­res.

Das Elternrecht

kannitverstan Mar­kus Pie­per, EU-Parlamentarier aus dem Müns­ter­land, hat sich als einer der weni­gen mal getraut, auf den Punkt zu brin­gen, wie die kon­ser­va­tive Posi­tion der CDU zum Eltern­recht aus­sieht:

Kin­der haben gott­ge­ge­be­nes Recht auf Vater und Mut­ter. Nie­mand ein Recht auf Kin­der.

Gut, wenn man Gott in Spiel bringt, hat man keine son­der­lich große Dis­kus­si­ons­ba­sis. Ver­su­chen wir es mal mit einem etwas zugäng­li­che­ren Mann: Imma­nuel Kant.

Bei Kant ist eine Sor­ge­pflicht der Eltern für ihre Kin­der dadurch gege­ben, dass sie es gewe­sen sind, die ihre Kin­der ohne deren Ein­wil­li­gung in die Welt gesetzt haben. Damit haben Eltern ein ethi­sches, wie juri­di­sches Recht zur Erzie­hung ihrer Kin­der, wie die ethi­sche Pflicht (aber nicht eine juri­di­sche) hierzu. Kin­der sind bei Kant keine Rechts­per­so­nen, daher kommt bei ihm nicht vor, dass diese bestimmte Rechte hät­ten. Wie sollte ein Kind auch das angeb­li­che Recht auf einen Vater in Anspruch neh­men, wenn die­ser gestor­ben oder unaufind­bar ist?

Sicher­lich hat Kant bei Eltern an Vater und Mut­ter gedacht. Aber die Begrün­dung der Rechte und Pflich­ten von Eltern liegt nicht in ihren bio­lo­gi­schen Attri­bu­ten:

da das Erzeugte eine Per­son ist, und es unmög­lich ist, sich von der Erzeu­gung eines mit Frei­heit begab­ten Wesens durch eine phy­si­sche Ope­ra­tion einen Begriff zu machen*): so ist es eine in prak­ti­scher Hin­sicht ganz rich­tige und auch nothwen­dige Idee, den Act der Zeu­gung als einen sol­chen anzu­se­hen, wodurch wir eine Per­son ohne ihre Ein­wil­li­gung auf die Welt gesetzt und eigen­mäch­tig in sie her­über gebracht haben; für wel­che That auf den Eltern nun auch eine Ver­bind­lich­keit haf­tet, sie, so viel in ihren Kräf­ten ist, mit die­sem ihrem Zustande zufrie­den zu machen.

Wäre es dem­nach denk­bar, dass der Beschluss, ein Kind in die Welt zu set­zen, von zwei gleich­ge­schlecht­li­chen Men­schen aus geht, so wie er von leib­li­chem Vater und leib­li­cher Mut­ter aus­geht?

Ja. Das ist der­selbe Fall wie bei der künst­li­chen Befruch­tung. Auf die Idee, den gesetz­li­chen Eltern eines so gezeug­ten Kin­des, ehe­li­che Rechte zu ent­zie­hen, ist auch noch nie­mand gekom­men.

Bei Kant ist das Eltern­recht ethisch begrün­det, nicht juri­disch, nicht bio­lo­gisch und nicht reli­giös. Juri­di­sche, bio­lo­gi­sche und reli­giöse Umstände mag es geben, sie rüt­teln aber nicht an der ehti­schen Begrün­dung des Eltern­rechts, weil man es hier mit ver­ant­wort­li­chen Erwach­se­nen zu tun hat.

Kant wen­det sich impli­zit gegen Pie­pers Rede vom Gott gege­be­nen Eltern­recht, weil Kin­der Wesen sind, denen es mög­lich sein wird, freie Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, wobei es für den Men­schen unmög­lich zu den­ken ist, dass die Mög­lich­keit zu freien Ent­schei­dung auf eine phy­si­sche Ursa­che zurück­führ­bar wäre,

*) Selbst nicht, wie es mög­lich ist, daß Gott freie Wesen erschaffe; denn da wären, wie es scheint, alle künf­tige Hand­lun­gen der­sel­ben, durch jenen ers­ten Act vor­her­be­stimmt, in der Kette der Natur­no­thwen­dig­keit ent­hal­ten, mit­hin nicht frei. Da sie aber (wir Men­schen) doch frei sind, bewei­set der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv in mora­lisch prak­ti­scher Absicht, wie durch einen Macht­spruch der Ver­nunft, ohne daß diese doch die Mög­lich­keit die­ses Ver­hält­nis­ses einer Ursa­che zur Wir­kung in theo­re­ti­scher begreif­lich machen kann, weil beide über­sinn­lich sind.

Demokratiemißverständnisse

Sven Sor­gen­frey bemüht sich um eine sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit Patrick Dörings Aus­spruch “Tyran­nei der Masse”. Aber wer in die­sem Zuge Sätze schreibt wie

Die Netz­ge­meinde hat ihn dafür mit einem Shits­torm bedacht

muss sich nicht wun­dern, wenn er selbst nicht ernst genom­men wird. Um Dörings Punkt stark zu machen, muss man sagen: Der Angriffs­punkt der Pira­ten­par­tei ist, dass Basis­de­mo­kra­tie viel­leicht fai­rer ist als Frak­ti­ons­zwang, aber immer noch latent die Dis­kri­mi­nie­rung der Mehr­heit über die Min­der­heit inne­hat.

Aber auch anderswo stößt der Demo­kra­tie­be­griff wei­ter­hin an begriff­li­che Gren­zen, so schreibt Björn Boeh­ning:

wenn wir nicht dar­auf zäh­len kön­nen, dass demo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen auch akzep­tiert wer­den, dann sind wir auch mit mehr Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten kei­nen Zen­ti­me­ter vor­an­ge­kom­men

Wie gesagt: Wenn demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung nur eine Mehr­heits­ent­schei­dung dar­stellt, kann das immer noch eine Dis­kri­mi­nie­rung sein. Der moderne Begriff der Demo­kra­tie ver­weist auf einen Staat als Rechts­staat, der nicht auf fun­da­men­ta­lis­ti­sche, son­dern begrün­dete Argu­men­ta­tio­nen zurück­greift. Ein sol­cher Demo­krat gibt kein Ver­spre­chen ab, Mehr­heits­ent­schei­dun­gen kri­tik­los zu akzep­tie­ren. Das ist auch gar nicht sys­tem­not­wen­dig, wie Boeh­ning meint.

Demokratie

kannitverstan

Das ist auch merk­wür­dig: Ich war der fes­ten Über­zeu­gung, mit Sicher­heit schon mal etwas über Demo­kra­tie geschrie­ben zu haben. Wit­zig ist aber irgend­wie, dass ich heute dar­über schreibe und vor einem Jahr etwas über Spie­gel­de­mo­kra­tie schrieb. Viel­leicht wird das nun so eine Art Demo­kra­ti­e­tag, aber das durch­zu­hal­ten ist auch schon wie­der so ein Ding.

Die­ser Tage wird dau­ernd von Demo­kra­tie gespro­chen, mich wun­dert, dass oft­mals der Ein­druck ent­steht, dass die­je­ni­gen, die dar­über schrei­ben, doch gar wenig über die­sen Begriff wis­sen.

Da hat z.b. Jakob Augs­tein einen Arti­kel über Grie­chen­land geschrie­ben, der inter­es­sant ist, weil er so bedeu­tungs­schwan­ger daher­kommt und doch 24 Stun­den nach Ver­öf­fent­li­chung implo­diert:

Papan­d­reou hat Europa über­rascht und die Märkte erschüt­tert. Aber er hat Grie­chen­land seine Würde zurück­ge­ge­ben und Europa dem Moment der Wahr­heit näher gebracht, der unwei­ger­lich eines Tages kom­men wird.

Tja, und nun ist das Refe­ren­dum abge­bla­sen, in der Augs­tein­schen Betrach­tungs­weise hat das grie­chi­sche Volk seine Würde wie­der ver­lo­ren und kein Grie­che beschwert sich dar­über ernst­haft. Und die­ses Wahr­heits­ge­brab­bel ist nur defä­tis­ti­sches Bla­bla. Nie­mand ver­steht doch gerade ernst­haft, wohin die Reise geht.

Hel­mut Schmidt hat gesagt, Demo­kra­tie sei zwar die Herr­schaft der Mehr­heit über die Min­der­heit, aber in Deutsch­land sei es so, dass die Mehr­heit auch wüsste, wor­über sie zu ent­schei­den hat und wor­über nicht. So hat das in mei­ner Erin­ne­rung Denis Scheck wie­der­ge­ge­ben. Ich finde aller­dings weder das Zitat bei Schmidt noch bei Scheck. Also, Ent­schul­di­gung, wenn die Wie­der­gabe falsch ist. Das Zitat legt aller­dings nahe, dass die Min­der­heit der Mehr­heit dank­bar sein darf, dass sie so gütig ist, nicht alles zu ent­schei­den. Damit bleibt unser Staat grund­sätz­lich ein Unrechts­staat. Ist das so?

Tho­mas Stad­ler fragt

Wie scho­ckie­rend kann es für eine Insti­tu­tion wie die EU und ihre Mit­glied­staa­ten – die sich Frei­heit und Demo­kra­tie auf ihre Fah­nen geschrie­ben haben – eigent­lich sein, wenn sich das betrof­fene
Mit­glieds­land dazu ent­schließt, eine essen­ti­elle Frage demo­kra­tisch zu klä­ren?

Oh, sehr scho­ckie­rend, wenn es sich um Unrecht han­delt, dass eine Mehr­heit eine Min­der­heit dis­kri­mi­niert. Über­haupt hat nie­mand den Grie­chen ein Man­dat gege­ben, unterm Strich über die Lage ganz Euro­pas der­art zu votie­ren, meint Michael Spreng, der ansons­ten die Demo­kra­tie­de­batte gerade für naiv hält. Das ist sie auch, aber man sollte den­noch ein­mal dar­über zu spre­chen kom­men.

Bei Frank Schirr­ma­cher liest man den gedank­li­chen Feh­ler, der die Demo­kra­tie­de­batte gerade so erschwert: Es ist der heu­tige Demo­kra­tie­be­griff, der sowohl den klas­si­schen Demo­kra­tie­be­griff als auch den Begriff des Rechts­staa­tes als Repu­blik ver­in­ner­licht. Was heisst das?

Der klas­si­sche Demo­kra­tie­be­griff ist der, auf den schon Hel­mut Schmidt oben anspielt: Es ist das Mehr­heits­wahl­recht, in dem eine Mehr­heit sich für oder gegen etwas ent­schei­det. Dies ist aber mit­nich­ten eine Ent­schei­dung dar­über, was rech­tens ist, was gerecht ist. Es ist nur die Ent­schei­dung, was die Mehr­heit will. Daher ist Demo­kra­tie, wäre es Staats­form, nach Kant völ­li­ges Unrecht, weil in jeder Ent­schei­dung eine Min­der­heit dis­kri­mi­niert wird. Für Kant kommt nur die Repu­blik als Staats­form in Frage, weil sie den Rechts­staat ver­kör­pert, in einer recht­mä­ßig aus­ge­führ­ten Sys­te­ma­tik. Als Poli­tik­form kann man nun Demo­kra­tie noch ein­set­zen, aber nach Kant eben­so­gut eine Mon­ar­chie, es spricht zumin­dest zunächst ein­mal wenig dage­gen.

Der heu­tige Demo­kra­tie­be­griff beinhal­tet nun eher die­sen Repu­blik­be­griff Kants: Rechts­staat plus Demo­kra­tie als Poli­tik­ver­fah­ren. Er beinhal­tet aber nicht, wie Stad­ler denkt: Demo­kra­tie als Indi­ka­tor recht­mä­ßi­gen Ver­fah­rens, denn das kann ja immer noch unrecht sein. Bestimmte Fra­gen kann man aber durch Wehr­heits­wahl­recht abstim­men las­sen, dem Regen­ten ist es aber auf­er­legt, bestimmte Fra­gen nicht durch Mehr­heits­wahl­recht klä­ren zu las­sen: Z.B. kann er den Rechts­staat an sich nicht einer demo­kra­ti­schen Wahl über­las­sen. Es liegt nicht, wie Schmidt meint, in der Güte des Regen­ten, dies nicht zu tun, er hat das Recht nicht, dies zu tun.

Hat nun ein Poli­ti­ker wie Papan­d­reou das Recht, die Ent­schei­dung über eine Wirt­schafts­zu­ge­hö­rig­keit über das Mehr­heits­wahl­recht ent­schei­den zu las­sen? Ja, das hat er. Rat­sam ist es wohl nicht. Einer­seits hat kein Volk der Welt in Sachen Finanz­krise gerade soviel Wis­sen, dass es für eine ver­nünf­tige Ent­schei­dung gerade aus­reicht. Ande­rer­seits ent­schei­det so, wie man Michael Spreng zuge­ste­hen muss, ein Volk auch über das Schick­sal ande­rer, wozu es kein Recht hat. Frag­lich wäre, ob das poli­ti­sche Ver­fah­ren wider­spruchs­frei ist, wenn zunächst kein Refe­ren­dum über eine EU-Zugehörigkeit gemacht wird, im Zuge des Ver­fah­rens dies aber erwo­gen wird.

Wenn Augs­tein, Schirr­ma­cher und Stad­ler Papan­d­reous Refe­ren­dum dem­nach als rech­tens und wün­schens­wert weil demo­kra­tisch bezeich­nen, bezie­hen sie sich ledig­lich auf den klas­si­schen Demo­kra­tie­be­griff, nach dem in einem Staat das­je­nige als Recht ange­se­hen wird, was durch Mehr­heits­wahl­recht ent­steht. Und darin liegt eben der Feh­ler: Eine sol­che Ent­schei­dung kann Unrecht sein und hat mit dem, was rech­tens ist, d.i. was aus ver­nünf­ti­gen Grün­den Recht sein müsste, ent­schei­dend nichts zu tun.

Auch schön

  • Micha­lis Pan­telou­ris kom­men­tiert sei­nen Text damit, dass er für direkte Demo­kra­tie ist, aber nur, wenn sie nicht dis­kri­mi­niert. Das aber kann mit der Demo­kra­tie als Staats­form ja gerade nicht aus­ge­schlos­sen wer­den.
  • Fefe fragt nach einem deut­schen Volks­ent­scheid bezüg­lich der EU-Rettungspakete. Kann man machen, muss man aber auch nicht. Und das ohne Begrün­dung.
  • Für MSPRO ist die Ent­wick­lung in Grie­chen­land die Dekon­struk­tion der demo­kra­ti­schen Nation, wobei bei ihm Nation und Staat das­selbe ist. Das ist eben­sol­cher Wirr­warr wie “Papan­d­reou konnte gar nicht anders”. 24 Stun­den spä­ter kann er das sehr wohl.

[ Foto: Rachel Pasch - What part of... | CC BY-NC 2.0 ]

Diskurs

kannitverstan

Ich habe mich vor 5 Jah­ren mal in einem Flyer über den Begriff Sach­zwänge empört. Dann hat man lie­ber von alter­na­tiv­los gere­det, da ansons­ten doch zu durch­sicht­lich ist, dass man den Din­gen Zwänge unter­stellt, die von die­sen ein­fach nicht aus­ge­hen. Alter­na­tiv­los ist dann letz­tes Jahr ver­brannt, hat ja auch lange gedau­ert.

Der Begriff der Netz­ge­meinde oder ähn­li­che Wort­kon­strukte ver­brennt gerade etwas schnel­ler. Nötig hätte das Ver­bren­nen in der öffent­li­chen Rede auch das Wort Dis­kurs.

Schon der Wikipedia-Eintrag des Begrif­fes wirkt so unbe­le­sen, dass man sagen muss: Heute wird das Wort oft­mals nur noch so ver­wen­det, dass das eigene Gefa­sel unab­hän­gig von sei­nem Gehalt geadelt wer­den soll. Und inso­fern ist die Ver­wen­dung völ­lig über­flüs­sig und ver­schlei­ert eine Sach­er­ör­te­rung mehr, als dass seine Ver­wen­dung eine sach­li­che Ver­bes­se­rung dar­stellt.

Im Wis­sen­schaft­li­chen bereich mag das Wort noch seine Berech­ti­gung haben, aber auch dort ist oft­mals nur von der öffent­li­chen Mei­nung die Rede, wenn hoch­tra­bend von Dis­kurs gespro­chen wird.

[ Foto: Rachel Pasch - What part of... | CC BY-NC 2.0 ]

Der Unterschied zwischen Comedians und Kabarettisten

Come­di­ans machen das wegen dem Geld,
Kaba­ret­tis­ten wegen des Gel­des.

[via]

Wirtschaftswunder

Irgend­wie habe ich noch kein Auf­re­gungs­ver­hält­nis zu die­ser Plakat-Aktion am Wirt­schafts­mi­nis­te­rium:

Viel­leicht wun­dern die sich, dass einer wie der Brü­derle Wirt­schafts­mi­nis­ter ist.

Richard David Precht – Die Kunst, kein Egoist zu sein

buchleser

Das was Sascha Lobo für die Blog­ger­szene ist, ist Richard David Precht für die Lite­ra­tur: Ein halb­ge­bil­de­ter Schwät­zer. Und so erzählt Precht in sei­nem neu­es­ten Popu­lis­mus­kit­sch­werk die Mär von heu­ti­ger Moral, ver­packt für Leute, die nicht an einer ernst­haf­ten Befas­sung mit der The­ma­tik inter­es­siert sind. Das ist so elen­dig viel Gela­ber und so wenig Sub­stanz, so gar kein roter Faden und geleb­tes Bes­ser­wis­ser­tum, dass das Buch von Anfang bis Ende in sei­ner Klug­scheis­se­rei nervt. Wenn Precht sich dann mal dazu erhebt, Klar­text zu reden, ist es auch gleich nichts:

Was ist das über­haupt – die Moral? Es ist die Art, wie wir mit­ein­an­der umge­hen.

Das ist schlicht falsch: Die Art, wie Men­schen mit­ein­an­der umge­hen, ist das Sozi­al­ver­hal­ten. Moral ist das Nor­men­sys­tem, nach dem gehan­delt wer­den soll.

Das sind so Bücher, für die es viel­leicht einen Markt, aber der Sache nach keine Berech­ti­gung gibt. Schund eben.

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