Mahlzeit!

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Kaffeeautomatenfehlermeldung

MG 9731

Knöllchen

Letztens traf ich eine Mitarbeiterin des Düsseldorfer Jugendamtes. Und da ich in meiner Heimatstadt noch ab und an etwas von Jugendarbeit mitbekomme, gerieten wir etwas ins Gespräch. Ich berichtete über meine merkwürdigen Erfahrungen im Umgang mit Behörden, womit ich ihr allerdings nichts Neues erzählen konnte. Es sei halt bei Behörden mit Teamwork nicht weit her. Jeder würde für sich kämpfen, ein ernsthaftes Miteinander, nein das gäbe es nicht. Ich erzählte von einer Bekannten, die im Ruhrgebiet Lehrerin ist. Sie erzählte, dass sie rechtlich dazu verpflichtet sei, besondere Vorkommnisse mit Schülern dort zu melden. Aber sie erwarte schon nichts mehr von den Jugendämtern. Egal wie blaugeschlagen die Kinder ankämen, das Jugendamt könne nie etwas Sonderbares finden.
Auch das verwunderte die Jugendamtsmitarbeiterin nicht. Bei ihr sei es so, dass sie so mit Arbeit zugeschüttet werde, dass sie abends wegen der Dinge Skrupel bekäme, die zeitlich einfach nicht mehr erledigt werden konnten. Schließlich stünden da ja Menschenschicksale einerseits und ihre rechtliche Eigenverantwortung andererseits im Raume. Immer mehr habe sie das Gefühl, dass Bürger so abgewimmelt werden sollen, dass am besten kaum noch jemand ins Jugendamt komme. Das ginge anderen aber nicht anders: Wenn sie tagsüber aus ihrem Büro schaue, sähe sie oftmals anderer Mitarbeiter, die auf dem Flur Weinkrämpfe bekämen. Weil sie schlicht überarbeitet seien.
Ich zeigte mich etwas verwundert, schließlich prahle die Düsseldorfer Politik so mit der Schuldenfreiheit der Stadt. Der Eurovision Song Contest konnte auch eben mal so finanziert werden. Düsseldorf habe doch Geld. Da sagte sie:

Für sowas nicht.

Großstadt

A large city cannot be experientially known;
its life is too manifold for any individual
to be able to participate in it.

Aldous Huxley

Ich habe noch etwas Zeit, bevor die dritte Ausgabe von Gebrochen Deutsch anfängt, meine Freundin und ihre Freundin kommen erst in einer halben Stunde, also starte ich ein Stadtmelancholieren, dieses Mal in einer Großstadt oder zumindest einer, die sich dafür hält: Düsseldorf. Und was einem schnell auffällt: 18 Uhr ist eine schlimmsten Uhrzeiten in Düsseldorfs Innenstadt.

Die Cafés sind leer, es gibt keine Fahrradfahrer, die wenigen Passanten gehen nicht, sondern hasten über die Baustellenampeln der Fußgängerzone und dauernd patschen ohrbestöpselte Menschen auf ihre hell erleuchteten Computertelefone. Einkaufen will keiner mehr, nur schnell zuhause sein, bevor die Bürgersteige hochgeklappt werden. Selbst die Kniebettler haben schon eingepackt, hier ist nichts mehr zu holen.

Ich schlendere in einen Arkadenbau hinein. Auch hier: Gähnende Leere. Keine chinesische Geisterstadteinkaufspassage, aber eine gänzlich uninspirierende. Ich lehne mich an ein Geländer, da fängt unter mir Klaviermusik an. Eine Barhockersängerin intoniert Night & Day. Etwas merkwürdig, denn im Keller des Arkadenbaus ist nie zu erkennen, ob gerade Tag oder Nacht ist.

Zum Verweilen lädt mich nichts ein. Ich erinnere mich an eine Passage aus Erich Kästners Fabian, in der Fabian festhält, dass Kaufhäuser unheimlich gut geeignete Orte für Streuner sind, die eh nichts kaufen, sondern sich nur aufwärmen wollen, als ich die gut gewärmte Filiale einer Buchhandelskette betrete. Hier wird mit Büchern noch Handel betrieben, ins Auge springen nur Bestseller. Gute Bücher sucht man fast vergeblich. Ich entsinne mich, dass man früher, was heute nur noch in Klamottengeschäften passiert, in Bücheräden noch von Verkäufern angesprochen wurde, um bei der Literatursuche behilflich zu sein. Als ich zwei lauthals tratschende Kolleginnen an der Kasse zuhören muss, die in dieser Kette gelandet sind, weil sie auf der Schule früher davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden, danke ich innerlich dafür, dass mir heute Literaturtipps von 400-Euro-Kräften erspart bleiben.

Mich treibt es zurück auf die Straße, nochmal durch die Fußgängerzone, ab zum Schauspielhaus. Ich registriere, dass kaum ein Geschäft irgendetwas hat, was ich gerne haben möchte. Meine Sachen hole ich mir woanders, wer holt sich diese Sachen? In der Parfümeriefiliale entdecke ich einen dieser flachbrüstigen Flakonbodyguards, der nie lächelt und seinen Blick so mechanisch schwenkt, als sei er schon ein Halbroboter, der das mit der menschlichen Kommunikation noch nicht ganz auf dem Schirm hat. Wenn ich einmal groß bin, werde ich Rausschmeisser.

Ich erreiche nun über bepfütztes Baustellengebiet den Gustav-Gründgens-Platz. Graue Betonplatten markieren die Trostlosigkeit auf dem Vorhofs des Schauspielhauses. Ein leichter Wind zieht auf und es tröpfelt etwas. Zur Linken ragt das leerstehende, hyhnenhafte Thyssen-Bürogebäude in den Nachthimmel.

Ich lasse meinen Blick nach rechts schweifen und entdecke im zweitobersten Stockwerk des dortigen, noch bezogenen Bürogebäudes ein vorm Computer sitzendes Hoppermotiv:

Er wird noch da sitzen, als wir das Schauspielhaus wieder verlassen.

Ich schaue nach vorne zur Anzeigentafel des Schauspielhauses, die wie der Vorhof mit Ästhetik nicht viel am Hut hat.

blinkt es mir entgegen, dem einzigen, der da gerade auf dem Platz weilt. Eine Frau eilt über den Platz und knallt ihre Absätze auf den Beton. Pünktlichkeitsstress.

Endlich kommt meine Freundin und ihre Begleitung zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn. Auf der Bühne sitzt dieses Mal eine Niederländerin aus Amsterdam, die in Düsseldorf gestrandet ist. Gestrandet ist vielleicht ein zu ästhetisches Wort. Denn Düsseldorf ist nicht schön, sagt sie. Amsterdam ist schön. Aber Düsseldorf? Nein, keine Frage, Düsseldorf ist nicht schön. Sie fahre gerne mit dem Fahrrad den Rhein hinunter in Richtung Kaiserswerth. Schön da, aber irgendwie nicht Düsseldorf. Düsseldorf habe sie gelehrt, dass man sich nicht über die Schönheit der Stadt identifizieren muss, in der man lebt. Wie soll das auch gehen, denke ich – in Düsseldorf.

Beim Hinausgehen merkt die Freundin meiner Freundin an, dass sie es nie verstanden hat, wieso solch ein Bohei um die Kö gemacht werde, solche Straßen gäb es dutzendfach in Hamburg und ich erzähle von der 18-Uhr-Verlassenheit der Innenstadt. Das sei aber ganz normal in der Woche nach der Karnevalszeit, sagt meine Freundin. Die Leute gingen einfach nicht mehr raus und so lege sich immer eine Art Depression über die Einkaufspassagen und Cafés. Ach so.

Gebrochen deutsch, 23.01.2012, Düsseldorf

Gestern waren wir bei der zweiten Talkrunde von Staffan Valdemar Holm mit Vom Ritchie (Großbritannien, Schlagzeuger (Die Toten Hosen)), Kyoko Jastram (Japan, Musik-Lehrerin), Fiorella Falero Ramirez de Entner (Peru, Studentin/Garderobenpersonal), Iraj Farzi Kahkash (Iran, Büdchen-Inhaber) darüber, wie man in Düsseldorf strandet und wieso man es inzwischen mag. Das Format ist sowas wie ein Selbstläufer. Man bekommt schwere wie auch lustige Geschichten über die Aufbrüche in die Fremde zu hören. Man lernt lebenslustige Menschen kennen, an denen man sonst vielleicht einfach nur vorbei läuft. Dabei kommt die Frage, was an Düsseldorf so toll sein soll, schon fast zu kurz, aber was will man auch sagen? Aus dem Publikum kam die versuchte Erklärung: “Claudia Schiffer.”, woraufhin Holm meinte: “Das kann es nicht sein.”

Vielleicht gibt es nicht solche Gründe, vielleicht gibt es nur die gelebten Erfahrungen, die alle Gäste vorzuweisen haben. Denn es springt ins Auge, dass alle, die auf der Bühne sind, so höflich wie offen sind, wenn es um die Geschichten der anderen geht. Vom Ritchie erzählt, wie er mit seiner Lockerheit sturen Münchner Polizisten begegnet, die seine abgelaufene Aufenthaltserlaubnis mit “Scheiße, Scheiße, Scheiße” kommentieren. Fiorella Falero Ramirez de Entner beschreibt, wie sie ohne irgendwie deutsch zu können nach Deutschland kommt, und dort ihr erstes Date mit einem Taschenwörterbuch bewältigt. Kyoko Jastram erzählt über die musikalische Größe Deutschlands, die vor Ort doch etwas anders aussieht. Und Iraj Farzi Kahkash berichtet darüber, wie er im Iran die Revolutionsbestrebungen unterstützt hat, Krieg miterlebt hat und schließlich in die DDR kommt, und eines Tages von einen Schleuser in West-Berlin ausgesetzt wird – ohne die Sprache zu können oder irgendjemanden zu kennen.

Also ein ganz großartiges Format, das Holm da aus dem Ärmel geschüttelt hat, und bei dem an diesem Abend auffiel, dass weder der Begriff “Die Toten Hosen”, noch der Begriff “Integration” ein einziges Mal gefallen ist. Wenn er es jetzt noch schafft, dem Düsseldorfer Publikum das Klatschen beizubringen, ist ihm ein Denkmal sicher.

Erkennen Sie…

…  die Frau im Fenster?

Düsseldorf, Münsterstraße

Verständnis

Nachdem Sie sich verabschiedet hat, und sich der Boarding-Schlange zum Flieger angeschlossen hat, stehe ich noch mit ihrer Oma ein wenig in der Halle des Düsseldorfer Flughafens und betreibe etwas Small-Talk. Ihre Oma kommt gebürtig von der Krim, hat spät noch die deutsche Sprache gelernt und spricht daher etwas radebrechend Deutsch mit jiddischem Einschlag. Tagsüber marschiert sie stundenlang durch Düsseldorf, abends schaltet sie die Flimmerkiste ein:

Chabe ich russische Fernsehen abbestellt. Chabe ich Enkel gesagt, machst du Kabel weg, will ich nicht mehr sehen. Immer das Gleiche, immer jammern sie, immer negativ. Russen immer dasselbe. Schaue ich jetzt Carmen Nebel. Scheen. Und, äh, wie cheisst? Sonntags, abends, Dirigent?

André Rieu, helfe ich aus.

Ja

sagt sie und drückt ihre Hände an die Brust

scheeeeeeeen, so scheeeeen. Und schaue ich danach Mann mit Brille…

Günter Jauch.

Ist nicht leicht zu verstehen. Nicht leicht. Redet montags Palasberg, auch schwer, kann ich nicht gut verstehen. Kommet dann Maischberga, kann ich sehr gut verstehen. Redet gut. Und Anne Will. Redet auch gut. Kann ich auch sehr gut verstehen. Sehr gutt. Beekmann, schwer. Redet schnell, so schnell. Verstehe nicht gutt. Aber Anne Will verstehe ich gutt.

Ja, Anne Will spricht schön deutlich, stimme ich bei.

Nur verstehe ich nicht: …

Nanu? Wer talkt denn da noch bei der ARD?

Warum reden Deutsche so viel?

Nee, keine Ahnung, das weiß ich auch nicht.

Guten Morgen

MorgenkaffeeIm Zuge der Heroisierung des Apple-Gründers schreibt Horace Dediu mal auf, was Steve Jobs alles nicht war.

WiWo-Redakteur Sebastian Matthes geht mit seinem neuen Blog ungedruckt an den Start. Seine Motivation beschreibt er wie folgt:

Vor wenigen Tagen saß ich in einem Düsseldorfer Restaurant, einem dieser Orte kontemplativer Bürgerlichkeit, nicht spießig, aber auch gerade nicht mehr cool, so wie es viele Orte in Düsseldorf gibt. Am Nachbartisch saß eine Gruppe Endzwanziger in Anzügen. Um Autos drehten sich ihre Gespräche, um Jobs. Und um die Piratenpartei. [...] in der Diskussion zeigt sich auch etwas anderes: In Deutschland bilden sich zwei neue Lager. Die Grenzlinie zwischen ihnen verläuft nicht mehr, wie bislang gewohnt, zwischen links und rechts. Sie verläuft zwischen Off und On. [...] nicht nur durch die Politik, sondern auch durch Redaktionen, Organisationen und natürlich Unternehmen.

Volles Pfund. Und wenn seine kommenden Analysen so treffend und bissig wie die über Düsseldorf sind, dann kann man sich als Leser schon mal freuen.

10 Jahre Afghanistan-Krieg, das bedeutet auch 10 Jahre langes Scheitern des Westens. Und wie lange Deutschland gebraucht hat, um zu erkennen, dass es einen Krieg führt.

Und während ich mir die Frage stelle: Gab’s das schon mal, dass das Morgenmagazin 4 Tage hintereinander Werbung für eine Firma wie Apple macht? hole ich mir erstmal noch einen Kaffee.

Die gute Züchner-Dose

Werbung hat sich verändert in den letzten Jahrzehnten, keine Frage. Und eigentlich sieht man die Unterschiede kaum noch, denn alte Werbung ist meistens schlicht verschwunden. Wer erinnert sich noch an das Schaufenster am Donnerstag? Das war einer Werbesendung im ZDF, in der Cordanzugträger Werbung von gelben Zetteln ablasen. Und die Leute haben das sogar geguckt, es lief ja nichts anderes.

Es gibt nur selten Werbung, die erhalten geblieben ist. Ich weiß nicht, ob man das schon Kunst nennen soll, aber alte Werbung ist schon ein interessantes Relikt.

In Düsseldorf findet sich an einer Hauswand noch Werbung der Verpackungsfirma Züchner. Vor dem Haus stehend weiß man zunächst gar nicht, wofür diese Werbung sein soll. Konserven kaufen kann man in diesem Haus nicht. Die Werbung steht für die Konserve als damals neue Verpackungsform. Und der dazugehörigen Grafik zufolge sind diese Konserven so gut, dass Schweine freiwillig in diese Konserven reinspringen würden.

So eine Aussage sollte heutige Werbewirtschaft sich mal trauen ;-).

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